12 Fragen an Peter van der Touw zur Integration von Notch Interactive durch Publicis.

Peter v. d. Touw
16.12.2019
in
People

Notch Interactive verstärkt zum 1. Januar die grösste Agenturgruppe der Schweiz . Peter van der Touw übernimmt als Chief Operating Officer von Publicis Communications die operative Leitung und soll ausserdem die Bereiche Kommunikation, Media und Technologie weiter zusammenführen. Im Interview mit der Werbewoche beantwortet Notch-Mitgründer und CEO Peter van der Touw 12 Fragen zum Deal.

Sie haben Notch Interactive vor knapp zehn Jahren mitgegründet. Nun verliert die Agentur die Eigenständigkeit und wird Teil der Publicis Gruppe. Sind Sie – bei aller Freude – auch etwas wehmütig?

Eher dankbar gegenüber unseren namhaften Auftraggebern und stolz auf all die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die über ein knappes Jahrzehnt mitgeholfen haben, Notch zu einer der führenden Digitalagenturen des Landes zu machen. Nun beginnt eine neue Ära. Wir freuen uns alle sehr darauf, weil man nicht jeden Tag die Chance bekommt, etwas Einzigartiges in der Schweiz mitzuprägen: eine Agentur mit über 300 Spezialistinnen und Spezialisten, die Kommunikation, Media und Technologie unter einem Dach vereint.

Welche Beziehung hatten Sie in der Vergangenheit zu Publicis? Gab es überhaupt Berührungspunkte?

Publicis ist uns in erster Linie als Nummer eins bekannt. Vereinzelte Exponentinnen und Exponenten sind mir bei Branchenveranstaltungen oder Pitches über den Weg gelaufen. Es gab aber sonst keine fixen Berührungspunkte.

Was sagt die Integration von Notch durch Publicis über die heutige Kommunikationsbranche aus?

Was die Marktsituation betrifft, kann man von einem Paradoxon sprechen: Einerseits sind wir in einem Verdrängungs-, andererseits in einem Wachstumsmarkt. Durch die Konvergenz von Dienstleistungen aus Kommunikation, Technologie und Media entstehen neue Geschäftsfelder und Opportunitäten. Auf der anderen Seite erfährt der Markt eine starke Konsolidierung. Nur wer sich in einem dynamischen und an Komplexität zunehmenden Markt schnell anpassen kann, wird eine Daseinsberechtigung haben. Wir glauben, dass nur eine Agentur mit einem Gesamtverständnis über alle Touchpoints der User und der Customer Journey sowie den entsprechenden Experten und Expertinnen gerüstet ist für die heutigen und zukünftigen kommunikativen Herausforderungen der Kundinnen und Kunden.

Was kann Notch, was Publicis noch nicht kann?

Dazu eine kleine Analogie zum Fussball: Grundsätzlich spielen beide Teams Fussball, jedoch mit verschiedenen Systemen. Nun hat Bayern München nicht einfach einen zusätzlichen Stürmer von Ajax Amsterdam geholt, sondern gleich die ganze Mannschaft integriert und so auf einen Schlag ein komplettes, eingespieltes Team übernommen, um noch flexibler und mit noch mehr taktischen Varianten agieren zu können. Wir alle ergänzen uns perfekt und spielen nun – sozusagen frei nach Johan Cruyff – «Totaalvoetbal», den totalen Fussball.

Ist die Eingliederung in die Publicis Gruppe aus Sicht von Notch auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit?

Nein. Aber wir sind überzeugt, dass wir erst am Anfang einer immer komplexeren Welt der Digitalisierung stehen und aus einem Netzwerk mit internationalem Know-how und Expertise riesigen Nutzen ziehen können. Allein deshalb, weil andere Märkte digital viel, viel weiter sind als die Schweiz. Unsere namhaften Kundinnen und Kunden werden davon sicher profitieren können.

Besteht die Gefahr, dass Notch in der immer grösser werdenden, starken Publicis Gruppe zu «einem unter vielen» und so irgendwann auch austauschbar wird?

Überhaupt nicht. Eines der grössten Assets von Notch ist die Expertise ihrer Teams und die Reputation auf dem Markt. Da hat niemand auch nur das geringste Interesse daran, dies zu ändern. Mit der Initiative «Power of One» von Publicis – also dem perfekt orchestrierten Zusammenspiel von Kommunikation, Media und Technologie für die bestmögliche Customer Experience – beginnt ein neues Kapitel für alle Notch-Mitarbeitenden, die übrigens eine wichtige Rolle in der Publicis-Transformation einnehmen, indem sie einige zentrale Positionen besetzen werden. Damit wird klar signalisiert, dass wir eine Symbiose – das Beste aus beiden Welten – anstreben. Notch als «Exotenabteilung» zu integrieren, wäre nicht erfolgversprechend gewesen.

Sie sind neu COO bei Publicis. Geben Sie damit die Geschäftsführung von Notch auf?

Notch Interactive bleibt als Aktiengesellschaft mit ihren fünf Aktionären sowie der identischen Geschäftsführung für einen bestimmten Zeitraum und für bestimmte Kundinnen und Kunden weiter bestehen und kann währenddessen die Stärken von Publicis nutzen. Zum Beispiel das Kreieren von grossen Plattformideen und deren Realisation.

War der Deal seit Längerem in Planung?

Ein solcher Deal mit internationaler Beteiligung dauert schon eine gewisse Zeit.

Was ging Ihnen als Erstes durch den Kopf, als Sie zum ersten Mal von der Idee hörten, dass Notch Teil von Publicis werden könnte?

Grundsätzlich sollte eine Führungsperson immer ein offenes Ohr für neue Möglichkeiten haben. Wenn es für Kundinnen und Kunden, Mitarbeitende und weitere Gremien durchaus eine reizvolle und spannende Idee zu sein scheint, lohnt es sich, das Ganze weiterzuverfolgen.

Man hatte den Eindruck, Notch Interactive habe sich in der Vergangenheit von der einstigen Online-Agentur immer stärker zur Full-Service-Agentur entwickelt. Muss sich die Agentur im Publicis-Gebilde wieder stärker spezialisieren und zum Beispiel die Kreation zurückfahren?

Nein. Unser Ziel in den letzten Jahren war es, uns noch tiefer mit Dynamic Performance Campaigning, Verhaltensökonomie im UI-/UX-Design und Digital Branding sowie Content Marketing auseinanderzusetzen. Diese Fachbereiche können wir nun weiter ausbauen und uns noch stärker auf diesem Gebiet spezialisieren. Die Zusammenarbeit mit Publicis ermöglicht es uns, zielgerichtet auf Kundenbedürfnisse einzugehen und integrierte Teams zusammenzustellen, um schnellstmöglich einen optimalen Output zu gewährleisten.

Wird Notch kurz- bis mittelfristig an die Stadelhoferstrasse ziehen oder behält sie den bisherigen Standort?

Wir ziehen per 1.1.2020 an den Stadelhofen.

Werden alle Mitarbeitenden übernommen oder kostet die Integration auch Stellen?

Zwei Mitarbeitende aus administrativen Stellen können leider nicht übernommen werden. Diese Personen haben wir lange vorab informiert, und beide haben ein mehrmonatiges Übergangsengagement. Ansonsten werden alle Mitarbeitenden fest übernommen.

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