Der Schweizer Zukunftsforscher Georges T. Roos im Kurzinterview.

Fabienne Baumgartner
14.12.2020
in
People

Der Schweizer Georges T. Roos beschäftigt sich als Zukunftsforscher seit 20 Jahren mit den strategischen Zukunftsherausforderungen von Unternehmen und Organisationen. Welche Änderungen sieht er auf uns zukommen? Zum 70. Jubiläum von Publicis durften wir Georges T. Roos fünf Fragen zu aktuellen und künftigen Herausforderungen aller Unternehmen stellen.

Herr Roos, werden sich die gesellschaftlichen Erwartungen an Unternehmen und Organisationen in Zukunft verändern? Und wenn ja, wie?

Künftig wird von Unternehmen erstens mehr Transparenz erwartet. Transparenz bezüglich sozialen Standards, Diversität, Arbeitsschutz, Arbeitsrecht oder Lieferketten. Und zweitens werden die ökologischen Fragen auch für Unternehmen immer zentraler und wichtiger.

Eine besondere Herausforderung für Unternehmen - und die Kommunikation - ist in diesem Zusammenhang die zunehmende Moralisierung. Die Welt heute ist schwierig zu verstehen, Zusammenhänge sind komplex und es gibt nicht nur schwarz und weiss und richtig und falsch. Also wird die Komplexität der Welt mit Moralisierung reduziert, man entscheidet sich aus der eigenen Gefühlswelt heraus für oder gegen ein Unternehmen oder ein Produkt.

Alexander Grau hat diese Sehnsucht nach einfachen Lösungen als moralischen Kitsch bezeichnet. Wenn daraus politischer Kitsch wird, wird es gefährlich. Auch Unternehmen können in diese Falle tappen. Das rächt sich, selbst wenn es vielleicht schnellen Applaus gibt.

Welche Erwartungen müssen wir und unsere Kunden in Zukunft erfüllen und prioritär behandeln?

Die Glaubwürdigkeit von Unternehmen und von Personen, die sie vertreten, wird noch wichtiger in Zukunft. Was drauf steht, muss auch drin sein und nicht als Marketing-Gag entlarvbar sein.

Es kann keine Zukunft sein, dass man allen alles recht machen will. Ein Beispiel ist Black-Lives-Matter, auf die alle grossen Modehäuser aufgesprungen sind. Ich bezweifle, dass das zukunftsfähig ist. Wenn es nicht durch und durch ehrlich gemeint ist, und sich verlässlich und dauerhaft im Produkt, Image und in der Persönlichkeit einer Marke oder Unternehmung wiederspiegelt, dann ist das wenig glaubwürdig.

Vieles verlagert sich ins Virtuelle. Gibt es in Zukunft überhaupt noch physische Kontaktpunkte zwischen Unternehmen und ihren Mitarbeitern, Kunden oder Konsumenten? Oder beschränkt sich das rein aufs Private?

Der Ersatz von physischen Kontaktpunkten - wie wir es heute kennen - wird weitergetrieben, auch mithilfe künstlicher Intelligenz. An vielen Orten macht das Sinn, umgekehrt wissen wir alle, dass das physischeZusammenkommen auch Vorteile hat. Das wird zur «Qualitätszeit». Dabei geht es auch um non verbale Aspekte, die eine grosse Rolle spielen. So funktionieren etwa Inspiration oder Teamspirit nur beschränkt über digitale Kanäle - zudem schätzen wir diese Qualitätszeit zusammen mehr denn je.

Die Technologie der Zukunft?

Künstliche Intelligenz wird leistungsfähiger und besser und wird vermehrt in unserem Alltag auftauchen. Ich kann mir gut vorstellen, dass irgendwann ein Chatbot mit mir spricht, wenn ich ein Callcenter anrufe.Vielleicht sogar mit Emotionserkennung, das heisst: Er erkennt, ob jemand sauer, nervös oder aufgeregt ist, und leitet in einem solchen Fall den Anruf an einen Menschen weiter.

Auch individualisierte Beratungen werden KI anwenden, beispielsweise das Gesundheitswesen oder Krankenkassen. Ein Gesundheitsavatar, der unsere Vorgeschichte kennt und das ganze Wissen der Diagnostik in sich hat, könnte uns bei Symptomen schnell Rat geben. Solche Avatare sehe ich auch in der Bildung, wo Avatare schnell herausfinden, was man weiss, wo eine Lücke besteht und dann Übungen und Informationen zur Verfügung stellt, um diese Informationslücke zu schliessen.  

Wie sehen Sie den Arbeitsplatz der Zukunft? Und wie können sich Unternehmen auf sich laufend verändernde Arbeits-Realitäten vorbereiten?

Ein grosses Stichwort ist Flexibilisierung. Flexibilisierung von Ort, Zeit und technischen Hilfsmitteln. Die Herausforderung für Unternehmen ist eine Flexibilisierung zu generieren, die sowohl die Interessen desUnternehmens als auch diejenigen der Mitarbeitenden berücksichtigt. Entsprechend muss der Arbeitsplatz der Zukunft eine Vielfalt von Möglichkeiten bieten. Die einen wollen mehr im Home-Office arbeiten, die anderen können das nicht. Es muss Co-Working Spaces geben, wo man auch phasenweise Teams für kreative Lösungen auslagern kann.

Bei der ganzen Flexibilisierung spielt der Aspekt der Zugehörigkeit eine grosse Rolle – was mehr ist als nur Employer Branding. Menschen suchen Werte-Übereinstimmungen, eine wertschätzende Kultur, soziale Einbindung. Wenn wir flexibel arbeiten, oft von unterwegs, dann ist es anspruchsvoller, eine Identifikation mit dem Unternehmen zu erzielen. Aber gerade wegen der Flexibilisierung wird sie immer wichtiger.

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