Ein Gespräch über die Intelligenz von morgen mit Professor Jürgen Schmidhuber

Fabienne Baumgartner
26.1.2021
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Professor Jürgen Schmidhuber doziert an der TU München, dem ISDIA und ist Mitgründer und Chefwissenschaftler der Firma NNAISENSE, die die erste praktische Allzweck-KI erschaffen will. Zum 70. Jubiläum von Publicis durften wir mit ihm ein Gespräch über die Intelligenz von morgen führen.

Professor Schmidhuber, wie haben Ihre KI- und Lernverfahren die moderne Welt und die menschliche Kommunikation beeinflusst?

Seit dem letzten Jahrzehnt gilt: Die fünf wertvollsten börsennotierten Firmen der Welt – Apple, Alphabet/Google, Microsoft, Facebook, Amazon – betonen alle, wie zentral KI für sie sei, und sie verwenden alle in massiver Weise unsere KI aus dem Voralpenraum. Insbesondere das «Deep Learning» Verfahren «Long Short-Term Memory (LSTM)», dass nun in drei Milliarden Smartphones steckt und jeden Tag weltweit milliardenfach genutzt wird. LSTM ist am Anfang ganz dumm, doch durch Erfahrung wird es klug und lernt, alle möglichen Probleme zu lösen. Ein wenig wie ein Hirn. Aktuell kommt es beispielsweise bei der Spracherkennung, Google Translate, Alexas Stimme, medizinischer Diagnostik, Chat Bots oder der Vorhersage von Aktienkursen zumEinsatz, um bloss einige zu nennen.

Übernehmen künftig Bots unsere tägliche, mondäne Kommunikation wie beispielsweise ein Gespräch mit der Versicherung?

In zunehmendem Masse. Aber bis die KIs so gut kommunizieren wie ein kluger Mensch, wird es noch Monate, wenn nicht Jahre dauern.

Wie werden sich KIs auf die Arbeitswelt auswirken?

Künstliche Intelligenzen werden fast alles erlernen, was Menschen können – und noch viel mehr. Ihre neuronalen Netzwerke werden aus Erfahrung klüger, und alle zehn Jahre hundertmal mächtiger pro Euro. Schon heute sind unsere seit den 1990ern in München und der Schweiz entwickelten tiefen Netze Milliarden Smartphone-Nutzern zugänglich, etwa fürSpracherkennung. Unsere formelle Theorie des Spasses erlaubt sogar, Neugierde und Kreativität zu implementieren, um künstliche Wissenschaftler und Künstler zu bauen. Superkluge KIs werden vielleicht bald das Sonnensystem und den Rest der Galaxie besiedeln. Roboter und deren Besitzer werden natürlich hinreichend Steuern zahlen müssen, sonst gibt es eine Revolution. Was bleibt dem Menschen zu tun? Der von harter Arbeit befreite Homo Ludens wird wie stets neue Wege finden, mit anderen Menschen professionell zu interagieren. Der beste Schachspieler ist seit 1997 kein Mensch mehr, doch immer noch spielen Menschen gegeneinander, und verdienen gar damit. Maschinen sind viel schneller als Usain Bolt, doch er bekam zig Millionen dafür, andere Menschen zu besiegen.

Wie steht es mit KI und Privatsphäre?

Super-Organismen wie Städte und Staaten und Unternehmen bestehen aus zahlreichen Menschen, gerade so wie Menschen aus zahlreichen Zellen bestehen. Diese Zellen geniessen jedoch kaum Privatsphäre. Sie werden ständig von spezialisierten «Polizeizellen» und «Grenzschutzzellen» überprüft: Bist Du eine Krebszelle? Bist Du ein Eindringling von aussen, ein Krankheitserreger? Die Vorteile des Zusammenschlusses Einzelner werden erkauft durch deren Verlust an Freiheit. Ähnlich verhält es sich bei Superorganismen wie Nationen. Die wichtigste Erfindung der aufgezeichneten Geschichte war die Schrift. Ihr ursprünglicher Zweck lag in der Überwachung: Welche Bürger leben wo und haben ihre Steuern noch nicht bezahlt? Solche Kontrollmechanismen gingen in schnell wachsenden Grossstädten durch Anonymisierung zwar vorübergehend verloren, kehren aber jetzt zurück durch neue Überwachungsgeräte wie Smartphones als Teil digitaler Nervensysteme, die Unternehmen und Regierungen viel über ihre Nutzer mitteilen. Kameras und Drohnen usw. werden immer kleiner und allgegenwärtig; ausgezeichnete Gesichtserkennung (oder Gangerkennung usw.) wird immer billiger, und bald wird fast jeder damit fast jeden überall auf dem Planeten flott identifizieren können - die grosse weite Welt wird nicht mehr Privatsphäre bieten als einst das lokale Dorf mit dem Pfarrer, der ohnehin alles wusste. Ist diese Entwicklung gut oder schlecht? Sie scheint jedenfalls unaufhaltsam. In manchen Nationen findet man sich leichter damit ab als in anderen.

Wie wird sich KI langfristig auswirken?

KI wird voraussichtlich fast jeden Aspekt unserer Zivilisation erfassen und transformieren. Menschen werden irgendwann nicht mehr die wichtigsten Entscheidungsträger sein. Alles wird sich ändern, und die vom Menschen dominierte Zivilisationsgeschichte, wie wir sie kennen, wird sich in kommenden Jahrzehnten ihrem Ende zuneigen. KIs werden anfangen, erst das Sonnensystem und dann innerhalb weniger Jahrmillionen die Milchstrasse zu kolonisieren, um schliesslich innerhalb einiger zig Milliarden Jahre das gesamte sichtbare Universum umzugestalten.

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