Industrie 4.0 – eine über 2000-jährige Geschichte.

Peter v. d. Touw
20.4.2017
in
Trends

Automatisierung fasziniert die Menschheit schon sehr lange. Was im antiken Griechenland nur zur Unterhaltung diente, wird heutzutage im Zeitalter der Industrie 4.0 aber wettbewerbsentscheidend.

Industrie 4.0 ist nicht nur das Thema der Stunde, sondern auch ganz klar das Thema der Zukunft. Der Grund dafür scheint eindeutig. Die Digitalisierung der Wertschöpfungskette kann und wird neue Horizonte eröffnen. Aber: Die Menschheit hatte schon einmal die Chance, einen ähnlichen Schritt zu gehen. Vor gut 2000 Jahren. Denn die Digitalisierung heutzutage ist nichts anderes als die Automatisierung zu einem früheren Zeitpunkt – zur Blütezeit der hellenistischen Welt. Auch hier taten sich neue Horizonte auf.

Automatisierte Tempeltüren und Weihwasserautomaten.

Als sich Tempeltüren in Alexandria wie von Götterhand öffneten, war die Stadt eines der wichtigsten Zentren der hellenischen Welt vor Christi Geburt. Aber nicht die Götter hatten dabei ihre Hände im Spiel, sondern der antike Mathematiker Heron von Alexandria. Er lebte in etwa zwischen 200 und 100 vor Christus und erfand eine Maschine, welche Tempeltüren automatisch öffnete und wieder schloss. Dazu machte er sich die Kraft des Feuers zu nutze: Unter einem Opferfeuer neben dem Tempel war ein halb mit Wasser gefüllter Behälter angebracht. Die Wärme des Feuers dehnte die Luft darin aus, so dass das Wasser über einen Schlauch in einen nächsten Topf floss, der immer schwerer wurde. Je tiefer der Topf sank, desto weiter öffneten sich die Türen, da sie über Ketten und Rollen an dem Topf befestigt waren. Wurde das Feuer gelöscht, entstand ein Unterdruck im Behälter, und der Prozess vollzog sich in umgekehrter Richtung und die Türen verschlossen sich wieder.

Zu dieser Zeit gab es aber nicht nur automatisierte Tempeltüren, sondern auch weitere Bereiche der Automatisierung wie beispielsweise Musikmaschinen und Theater. Selbst einen Vorläufer unserer allgegenwärtigen Snack- und Getränkeautomaten gab es bereits: einen Weihwasserautomaten. Dieser wurde ebenfalls von Heron erdacht, konstruiert und gebaut. Wollte man etwas Weihwasser, warf man eine Münze durch einen Schlitz. Die Münze schlug danach auf den längeren Arm eines Hebels, der sich durch das Gewicht der Münze nach unten bewegte. Am kürzeren Arm war ein Ventil befestigt, das sich durch die Bewegung öffnete und ein paar Tropfen Weihwasser freiliess.

Obwohl solche automatisierten Vorrichtungen sicherlich grossen Eindruck auf die hellenische Bevölkerung machten, wurden sie quasi nur zur Unterhaltung oder nur am Rande des gesellschaftlichen Lebens eingesetzt. Interessanterweise sahen die damaligen Gelehrten keine wirklichen Bedürfnisse in der Gesellschaft für eine Automatisierung von immer mehr Bereichen des Arbeitens und Lebens. Folglich nahmen sie auch eine Weiterentwicklung nicht in Angriff und die erste Welle der Automatisierung verschwand wieder. Wo stünden wir heute, wenn der Automatisierung im antiken Griechenland mehr Beachtung und Weitblick geschenkt worden wäre?

Auf dem Weg zu Industrie 4.0.

Eine hochinteressante Frage. Leider wird sich nur eine philosophische Antwort darauf finden lassen. Ganz und gar nicht philosophisch hingegen sind die Anforderungen und Bedürfnisse in unserer heutigen Gesellschaft, die sich aus der Entwicklung von Industrie 1.0 bis hin zu Industrie 4.0 ergeben haben. Die folgende kurze Chronologie zeigt, wann und wie Automatisierung entstanden ist, wie sie sich weiterentwickelt hat und wohin diese Entwicklung noch führen könnte.

Industrie 1.0 – ab 1800
Das Startsignal für die Automatisierung und das Zeitalter der Industrie 1.0 lieferten Erfindungen für die mechanische Produktion. Diese wurden dank Wasser- und Dampfkraft angetrieben und läuteten die erste industrielle Revolution ein.

Industrie 2.0 – ab 1900
Mit dem Start der Massenproduktion, ausgelöst durch Maschinen, die mit Elektrizität und Verbrennungsmotoren angetrieben wurden, nahm die zweite industrielle Revolution Gestalt an. Wesentlichen Anteil daran hatte die erfolgreiche Einführung des Fliessbands.

Industrie 3.0 – ab 1970
Die dritte industrielle Revolution begann ab 1970, wobei Elektronik, IT und Industrieroboter anspruchsvolle Produktionsprozesse übernahmen sowie vereinfachten und so eine rasante Entwicklung in Gang setzten. Darüber hinaus läuteten Computern das Informationszeitalter ein – beruflich wie privat.

Industrie 4.0 – ab 2015
Die Digitalisierung der Wertschöpfungskette und somit die vierte industrielle Revolution nimmt konkrete Formen an. Smart Manufacturing, digitale Produkte, Services und Geschäftsmodelle bestimmen mehr und mehr den Alltag. Darüber hinaus entwickeln sich Datenanalysen und -Transaktionen vermehrt zu Kernkompetenzen in Unternehmen. Big Data hält Einzug in die Unternehmen.

Digital Ecosystem – ab 2030
Ein Ausblick auf die vielleicht fünfte industrielle Revolution: Flexible und integrierte Wertschöpfungsketten-Netzwerke werden sich ebenso in den Unternehmensalltag einfügen wie virtuelle Prozesse und virtuelle Konsumentenschnittstellen. Eine intensive industrielle Zusammenarbeit wird der Schlüssel zum Erfolg werden.

Angekommen bei Industrie 4.0 – und nun?

Automatisierung von Big Data, Vernetzung von immer mehr Bereichen eines Unternehmens, die Digitalisierung der Wertschöpfungskette – das sind die Herausforderungen, denen sich heutige Unternehmen gegenüber sehen. Aber was heisst das konkret: die Digitalisierung der Wertschöpfungskette? Was sind die Keyelemente? Was die Erfolgsfaktoren? Was bedeutet es, spricht man von unterschiedlichen Reifegraden? Diese und weitere Fragen beantwortet unser zweiter Artikel zur Digitalisierung der Wertschöpfungskette.

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