Mensch 2.0 – auf dem Weg zum Cyborg?

Fabienne Baumgartner
13.6.2017
in
Trends

Benutzerschnittstelle – ein sperriges Wort, das uns aber unendliche viele Möglichkeiten bietet, es zu nutzen. Vom einfachen Lichtschalter bis hin zur Steuerung von Maschinen durch unser Gehirn.

Mit der Erfindung der ersten Maschine hielt auch ein neues Wort Einzug in den Sprachgebrauch: Benutzerschnittstelle. Kein sehr schönes Wort, aber schliesslich musste jemand die Maschine bedienen und für diesen Zustand brauchte es ein Wort oder eine Art Beschreibung. Erste Benutzerschnittstellen waren Lichtschalter, Knöpfe, Hebel, Drehregler, die Morsetaste oder eine Reissleine, um nur ein paar zu nennen. In unserer heutigen digitalen Welt denkt man aber eher an die Kombination Mensch und Computer beziehungsweise Mensch und digitale Welt. Dadurch sind noch weitere Benutzerschnittstellen hinzugekommen wie zum Beispiel Lochkarten, Maus, Touchscreen, Trackpad sowie Joystick. Und ganz aktuell die VR-Brille.

Der Cyborg in uns.

Damit aber scheint das Ende der Möglichkeiten noch lange nicht erreicht zu sein. Technikvisionäre wie Elon Musk sehen in den heutigen Entwicklungen nur Zwischenstationen auf dem Weg zu einem ganz neuen Menschsein. Und wieder einmal hat Hollywood die Zukunft bereits vorweggenommen. Zum einem in den Star Trek Filmen mit Lieutenant Commander Data, der als erster und einziger Androide der Sternenflotte beitrat und somit eine entscheidende Rolle bei der Weiterentwicklung der Menschheit beitrug – zwischenmenschlich und in den unendlichen Weiten des Weltalls.

Natürlich ist ein guter Cyborg  dramaturgisch bei weitem nicht so interessant wie böse Cyborgs, die es schaffen, sogar den tapferen und integren Captain der Enterprise, Jean Luc Picard, zu einem der ihren zu machen. Dabei spielen die Macher der Filme sehr gekonnt mit unserer Angst, dass Maschinen die Herrschaft über uns Menschen erlangen – in Form der «Borg» wird das Individuum Mensch assimiliert und so zum Teil einer gleichgeschalteten Gesellschaft, die durch eine zentrale Einheit gesteuert wird.

Und zum anderen ist da noch Arnold Schwarzenegger als Terminator, der unter einer menschlichen Hülle ein Android, eine Maschine, aus Stahl war. Hier wird noch radikaler mit der Angst gespielt, dass die von Menschen geschaffenen intelligenten Maschinen ein Eigenleben entwickeln und aus der Logik heraus, den Fortbestand der Menschheit zu sichern, diese unterwirft. Aber ist es wirklich das, was den Visionären und Entwicklern heutzutage vorschwebt, wenn sie Mensch und Maschine kompatibel machen wollen?

Maschinen können ein menschenwürdigeres Leben ermöglichen.

Denn in erster Line geht es zum Beispiel darum, Menschen, die aus welchen Gründen auch immer nicht (mehr) Laufen können, mit einem stabilisierendem Exoskelett das Laufen zu ermöglichen. Dies geschieht über die Verbindung vom menschlichen Gehirn zu einem Computer, der die gedanklichen Impulse in konkrete Befehle an den Bewegungsapparat übersetzt und umsetzt. Dabei gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, die Aktivierungsmuster im Gehirn in Bewegung umzusetzen – angefangen von Sensor-Headsets bis hin zu implantierten Sensoren oder gar Chips.

Auch der Versuch blinden oder erblindeten Menschen das Sehen möglich zu machen, bedient sich dieser aussergewöhnlichen Verbindung von Mensch und Maschine, in dem beispielsweise ein Chip in das Auge implantiert wird, wie bei der Australierin Diane Ashworth. Das bionische Implantat leitet elektrische Impulse über 24 Elektroden weiter und versorgt das Gehirn mit Informationen. Noch kann sie nicht wieder vollständig sehen, wie wir es kennen. Aber die Entwicklung geht in die richtige Richtung.  

Nanotechnologie auf dem Vormarsch.

Dies gilt auch für die Nanotechnologie, die insbesondere im Bereich Medizin rasante Weiterentwicklungen erfährt und so der Menschheit grossartige Dienste leisten kann – selbst bei der vollständigen Heilung von schwersten Krankheiten wie beispielsweise Krebs. Die Vision und somit noch Science Fiction: Kleinste Nanoroboter patrouillieren im Inneren unseres Körpers und kontrollieren unsere Organe. Sie schlagen dann sofort Alarm, sobald sie Abweichungen feststellen, die zu einer Erkrankung führen. Aber nicht nur das – kaum haben sie die Abweichung registriert und gemeldet, beginnen sie auch schon diese zu bekämpfen bzw. mit der «Reparatur» des Organs.

Mensch und Maschine verschmelzen.

Wie schnell aus dieser Zukunftsvision Wirklichkeit wird, hängt auch davon ab, wie gross die Schritte sein werden, die Technikvisionäre wie Elon Musk machen können und werden. Denn in seiner Zukunftsvision wird die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine komplett niedergerissen sein und durch eine direkte Verbindung ersetzt werden. Aus diesem Grund hat Elon Musk ein Start-up mit dem Namen Neuralink gegründet, das unser Gehirn mit der digitalen Welt verschmelzen möchte. Seiner Ansicht nach sind unsere Finger einfach viel zu langsam, um auf einer virtuellen iPhone Tastatur Begriffe einzutippen.

Die Webseite «Mashable» zitiert Elon Musk in diesem Zusammenhang mit «unsere visuelle Schnittstelle liefert einen viel grösseren Datendurchsatz.». Was dies moralisch und rechtlich bedeutet, ist noch nicht vollends geklärt und wird noch etliche hitzige Debatten und Diskussionen nach sich ziehen. Und auch, was das für Auswirkungen auf unser Gehirn und unser Verhalten hat. Doch laut Elon Musk ist die Verschmelzung mit den Maschinen eine Notwendigkeit. Seiner Meinung nach könnten wir Menschen nur auf diese Weise mit künstlichen, intelligenten Systemen mithalten, ohne dass wir dabei zu deren «Haustieren» werden. Mit Tesla hat der Technikvisionär schon einmal einer ganzen Branche ordentlich Beine gemacht und einen Umdenkprozess in Gang gesetzt – auch wenn gewisse alteingesessenen Automobilhersteller im Moment noch recht langsam schalten.

Da drängt sich doch gleich eine neue Frage auf: Was wäre eigentlich, wenn wir in Zukunft mit unseren Autos verschmelzen und sie mit unseren Gedanken steuern? Elon Musk hat auf diese Frage sicher schon eine Antwort parat.


Quelle 1: Tages-Anzeiger vom 5. April 2017

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