Rezension: Homo Deus – A Brief History of Tomorrow.

Fabienne Baumgartner
13.6.2017
in
Trends

Der isrealische Historiker und Autor Yuval Noah Harari eröffnet das Buch mit der Feststellung, dass die Menschheit die drei grössten Probleme seiner Existenz – Hungersnot, Epidemien und Kriege – im Griff hat. Die Probleme wären zwar nicht beseitigt, aber im Griff. Er erläutert seine Argumente auf den nächsten zwanzig Seiten, aber er überzeugt mich nicht. Ich bleibe da anderer Meinung, respektiere dennoch seine Sichtweise der Dinge.

Harari stellt danach die Frage, was jetzt auf der Agenda der Menschheit stehen sollte. Seiner Meinung nach sind die folgenden drei Themen die neuen Ziele der Menschheit: Unsterblichkeit, Glück und Gottähnlichkeit. Es sei an der Zeit, dass sich die Menschheit vom Homo Sapiens zum Homo Deus weiterentwickelt (Seite 24 und 53 im Buch). Dabei führt er an, dass hierzu nur molekularbiologischtechnische Probleme zu lösen sind. Tuberkulose, Herzinfarkt, Influenza, etc. sind im Grunde nur technische Probleme, welche die Forscher immer besser verstehen, da ihnen ja immer bessere Instrumente zur Verfügung stehen. So soll Google die Tochterfirma Calico gegründet haben, deren sehr delikater Auftrag es sei, den Tod zu überwinden. Mit unabsehbaren Folgen - angefangen bei den Pensionskassen...

Damit die Menschheit glücklicher werden kann, sollten nach Harari’s Meinung die Regierungen ihre Massstäbe änderen. Nicht die Grösse des Territoriums oder das Bruttosozialprodukt (BSP) sollten absolute Masstäbe sein, sondern die Qualität des Lebens. Einwohner von Costa Rica sind angeblich viel glücklicher als die viel reicheren Einwohner von Singapore. Im Königreich Bhutan ist Glück ein Teil vom BSP. Und der durchschnittliche Amerikaner verbraucht 60 mal mehr Energy als ein Steinzeit Jäger-Sammler. Es ist aber sehr fraglich, ob der Amerikaner auch 60 mal glücklicher ist.

Harari schreibt, dass es zwei Plafonds für unser Glück gibt. Einen psychologischen und einen biologischen. Psychologisch entscheiden erfüllte Erwartungen über ein Glücksgefühl und nicht die objektive Realität. Biochemisch ist der Mensch glücklich, wenn alle unsere Sinneswahrnehmungen angenehm sind. Haben wir Hunger und Durst, können wir nicht glücklich sein. Aber wenn die Bedürfnisse befriedigt sind, geht das Glücksgefühl auch wieder weg. Anders gesagt: Für das Glücksgefühl ist der Weg wichtig und nicht das Ziel. Man kann auch die Biochemie überlisten – zum Beispiel mit Drogen, was aber letztendlich zur Zerstörung der Person führt. Forscher arbeiten daran, mit elektrischen Impulsen Glücksgefühle zu erzeugen. Es ist aber sehr fraglich, ob dies ein empfehlenswerter Weg ist, Glücksgefühle zu empfinden. Der Grieche Epicurus sagte vor 2300 Jahren, dass ein massvolles Leben zu maximalen Glück führt. Buddha ist noch radikaler und lehrt, dass ein massloses Verzehren von Glücksgefühlen die Wurzel der Leiden ist.

Das zweite Ziel der Menschheit nach Harari (das Glücksgefühl) ist also auch mit biochemischen Mittel nur sehr schwer zu verwirklichen. Paradoxerweise ist das dritte Ziel, der gottähnliche Mensch – Homo Deus –, da schon wesentlich realistischer. Experten wie Ray Kurzweil gehen davon aus, dass der Homo Deus bereits zwischen 2030 und 2050 zu verwirklichen ist. Harari nennt dabei drei mögliche Wege. Molekularbiologie-Technik, Cyborg Technik (cybernetic organism – ein Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine, d.h. eine technisch veränderte biologische Lebensform) und die Entwicklung von nicht-organischen Wesen (Robots). Ein Cyborg hätte wirklich gottähnliche Kräfte. Er könnte z.B. an mehreren Orten gleichzeitig sein. Aber im Gegensatz zu einem Cyborg kann eine nicht-organische Künstliche Intelligenz (KI) ausserirdischen Planeten einfacher kolonisieren, als eine organische KI, ein Cyborg. Nach Ansicht des Autors hört der Homo Sapiens 2050, 2100 oder 2200 auf zu bestehen, wenn die Menscheit ihre Genen nach Belieben manipulieren kann. Aber niemand kann zurzeit glaubwürdig voraussagen, wie die Welt dann aussehen wird.

Doch nach Harari kann keiner auf die Bremse treten und diese Entwicklung stoppen. Um weiter zu bestehen, verlangt die moderne Ökonomie ein unaufhörliches Wachstum und das ist nur möglich mit unendlichen Projekten wie der gottähnliche Mensch (Seite 59) oder die Kolonisierung des Weltraums.
             
Um zu verstehen, was so speziell am Homo Sapiens ist, geht es im ersten Kapitel des Buches um die Beziehung zwischen Homo Sapiens und anderen Tieren (der Homo Sapiens ist auch ein Tier wie Schimpansen und Eichhörnchen, obwohl er das ganz gerne vergisst). Harari glaubt nämlich, dass Superwesen wie Cyborgs uns so behandeln werden, wie wir heute Haustiere behandeln. Wird der Homo Sapiens auch in einem Zoo enden (Seite 77)? Harari hält fest, dass Säugetiere ebenso Emotionen haben wie Menschen.

Im folgenden Kapitel beschreibt Harari, wie die Agrarrevolution die Jäger- und Sammler-Zivilisation ablöst. Es entstehen die grossen Religionen wie zum Beispiel das Christentum. Ihrerseits wird die Agrarrevolution durch die Wissenschaftsrevolution abgelöst.

Keine Jäger und Sammler mehr, aber auch keine Bauern aus der landwirtschaftlichen Revolution. Jetzt sind es die Forscher in ihren weissen Kitteln, welche die Zivilisation in den Laboren vorantreiben. Die grossen Religionen verlieren allmählich ihre Autorität. Licht ist nicht unendlich schnell (Formel Einstein E=mc2). Oberste Autorität ist jetzt die Wissenschaft. Die Sonne dreht sich nicht um die Erde, sondern die Erde um die Sonne – egal was der Papst sagt. Harari führt dies an, um den Autoritätsverlust zu illustrieren. Der Humanismus übernimmt die Herrschaft mit "human rights" und der Mensch ist die Krönung der Schöpfung und verfügt dabei über zwei Selbst: ein erlebendes und ein sich erinnernendes Selbst (Seite 342-354).

Der letzte Teil des Buches thematisiert den Kontrollverlust des Menschen gegenüber dem technologischen Fortschritt. Der Humanismus gefährde seine Existenz durch seine eigens gesteckten Ziele, ein Paradigmenwechsel stünde an. Humanismus wird vom Dataism abgelöst  (Seite 427-428). Dataism ist die Ansicht, dass das Universum aus Datenflüssen besteht und dass der Wert von jedem Phänomen oder Wesen aus seinem Beitrag zur Datenverarbeitung besteht. Die Lebenswissenschaften sind zur Überzeugung gekommen, dass Organismen durch biochemische Algorithmen gesteuert werden.

Dataism besagt, dass die gleichen mathematischen Gesetze für biochemische wie für elektronische Algorithmen gelten. Damit fällt die Barriere zwischen organischen Wesen und Maschinen weg. Giraffen, Tomaten und Menschen sind einfach unterschiedliche Wege, um Daten zu verarbeiten. Ökonomie wird auch als ein Datenverarbeitungs-Systen betrachtet. Dabei wird klar: Die Menschheit ist ein weit weniger effizientes Datenverarbeitungssystem als das Internet-of-Things (IoT). Gemäss Dataism ist damit das Ende der Menschheit vorbestimmt (Seite 443 im Buch).

Aber das IoT wird nicht auf die Erde beschränkt bleiben. Es wird die Galaxis und dann das ganze Universum umspannen (Seite 444). Die Data Religion sagt, dass jedes Wort und jede Aktion einer Person Teil vom grossen Datenfluss sind. Und dass die Algorithmen die Person ständig überwachen sowie sich darum kümmern, dass die Person agiert und fühlt (Seite 450).

Das Buch schliesst mit der Festellung, dass die Menschheit sich für die Zukunft (nicht Monate oder Dekaden, sondern zu einem viel späteren Zeitpunkt) Gedanken machen sollte über die folgenden miteinander verbundenen Prozesse (Seite 462).

  1. Die Wissenschaft konvergiert zum alles umfassenden Dogma, dass Organismen Algorithmen sind und dass das Leben gleich zu setzen ist mit der Datenverarbeitung
  2. Intelligenz ist vom Bewusstsein abzukoppeln
  3. Hoch intelligente Algorithmen ohne Bewusstsein werden uns Menschen vielleicht bald besser verstehen, als wir uns selber verstehen

Meiner Meinung nach hat sich die Menschheit schon längst entschieden, wofür sie ihre Ressourcen verwenden will und nicht, wie Harari glaubt, für die Entwicklung eines gottähnlichen Menschen. Als Nächstes möchte die Menschheit die Milchstrasse eroberen. Wie das ablaufen soll, ist auch schon klar. Auf dem Mond «wehen» die Fahnen der Atommächte USA und Russland bereits nebeneinander und auch China war schon dort (Mondsonde Chang’e-1 in 2007 sowie ein Moon Rover Jahre später).

Das Buch ist ein wertvolles, faszinierendes Werk. Brilliant, packend und erfrischend flüssig geschrieben sowie mit überrumpelnden und gelegentlich provokativen Ansichten. Es ist intelligent, scharfsinnig, überraschend, informativ, abwechslungsreich und manchmal sogar witzig. Das Buch fesselt von der ersten Seite an.

Harari hält sich auch nicht mit gewagten Analogien zurück und man fragt sich, ob sein Wissen als Geschichtsprofessor ausreicht, um die verschiedensten Wissensgebiete wie Molekularbiologie, Genetik und KI richtig zu interpretieren. Andererseits kann er bisweilen auf Grund seiner profunden Kenntnisse der Menschheitsgeschichte der Versuchung nicht widerstehen, weitschweifig die Europäische Geschichte zu erläutern. Obwohl das Buch sehr flüssig geschrieben ist, verliert es hierduch an Fahrt, wird langatmig, Homo Deus geht fast vergessen und entspricht nicht mehr ganz dem Untertitel «Geschichte der Zukunft».

Der Titel des Buches ist nach meiner Meinung irreführend. Der gottähnliche Mensch ist nicht der Abschluss der Entwicklung, sondern nur eine Zwischenstufe auf dem Weg in eine ferne Zukunft.

Die Lektüre folgender Bücher hilft das letzte Kapitel von «Homo Deus» besser zu verstehen:

In seinem Buch «Daemon» (2009) beschreibt Daniel Suarez sehr realistisch, wie eine KI das «Internet of Things» dazu benützt, die Weltherrschaft zu erlangen.

Im Buch «The Singularity is near » (2009) des Futuristen Ray Kurzweil (heute Technischer Direktor bei Google) verwendet er einen mathematischen Begriff, um deutlich zu machen, wie vieldeutig Zukunftsprognosen über längere Zeiträume sind. So vieldeutig wie das Teilen einer Zahl durch Null. Harari erwähnt Ray Kurzweil übrigens an mehreren Stellen in seinem Buch. Ray Kurzweil schrieb im Jahr 2000 auch das Buch «Das Zeitalter spiritueller Maschinen», das zum letzten Kapitel von Harari’s Buch passt.

Wenn die Viele-Welten-Interpretation der Quantenphysik sich in Zukunft als richtig erweist (so wie damals die Relativitätstheorie von Einstein), sind alle Spekulationen über die Zukunft natürlich hinfällig beziehungsweise Makulatur.

Wie das Bestehen (oder fehlen) einer zusätzlichen Dimension alle Zukunfsprognosen auf den Kopf stellt, ist im Büchlein «Flatland» von Edwin Abbott aus dem Jahr 1884 sehr unterhaltsam zu lesen. Er beschreibt die Welt der Flatlanders, die in einer Welt mit nur zwei Dimensionen leben. (Zum Beispiel sind Schlösser in der zweidimensionalen Welt ein Klacks für Wesen der dreidimensionalen Welt).

Das Buch «Homo Deus» mit einem Umfang von über 500 Seiten ist keine leichte Kost und für ein konzentriertes, verständliches Lesen braucht es sicher über fünfzehn Stunden – ohne Konsultation der über 200 Literaturhinweise. Die Hinweise auf Seitenzahlen beziehen sich auf die englische Taschenbuchausgabe.

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Quelle: Buchcovers: Amazon.com

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