Segen oder Stress: die tägliche Informationsflut.

Peter v. d. Touw
23.5.2017
in
People

Im digitalen Zeitalter sind viele Menschen ständig online, um nur ja keine aktuelle News oder private Message zu verpassen. Sind wir dem Daten-Overkill hilflos ausgeliefert oder besteht noch Hoffnung? Im Notch Interview verrät uns der Mentalcoach Johannes Flies, wie wir die Informationsflut und –sucht in den Griff bekommen.

1. Eigene Gewohnheiten

Beginnen wir mit einer Frage, die Sie sicher schnell beantworten können. Die aber auch gleichzeitig das Kernproblem unserer heutigen digitalen Welt aufzeigt: Wann waren Sie zuletzt online und warum?

Gerade vorhin. Ich sass in einem lauschigen Café in der Nähe von Notch an der Badenerstrasse und habe in einer «echten Zeitung» geblättert und immer wieder poppten Messages auf meinem iPhone-Display auf. Aber gleichzeitig habe ich auf «echte Freunde» gewartet. Und dazu trudelten zig E-Mails fortwährend ein.

Früher hätte ich das bunte Treiben im und ums Café beobachtet und mich dabei abwechselnd amüsiert und entspannt. Heute schaute ich auf und merkte, wie sich das Café in der Zwischenzeit gefüllt hat – und dass ich wieder einmal viel zu viel Zeit online verplempert hatte.

2. Informationsflut

Facebook, Instagram, Twitter, Snapchat, WhatsApp, SMS, E-Mails News-Feeds & Co. Die Möglichkeiten der Informationsbeschaffung und des Informationsaustausches sind heutzutage grenzen- und zeitlos, vor allem auf den Social-Media-Kanälen. Was macht das eigentlich mit uns?

Im Zeitalter der totalen Vernetzung ist fast jeder permanent online. Doch die direkte Kommunikation verkümmert mehr und mehr. «Das verändert alles»: Mit diesem Slogan wirbt Apple für das iPhone. Auf dramatische Art verändert hat sich in den letzten Jahren vor allem eines: unsere Kommunikation.

Dank Smartphone hat heute fast jeder das Internet in der Hosentasche. Die meisten sind Mitglied bei Facebook, Twitter & Co. und sind dort permanent eingeloggt. In der S-Bahn, im Bus und während Wartezeiten greifen wir fast schon reflexhaft nach dem Handy. Manche tun das sogar mitten im Gespräch. Genau darin liegt das Problem: Die sozialen Netzwerke drohen uns ironischerweise von unserem sozialen Leben abzuschneiden. Und die E-Mail-Flut ertränkt unsere Sprachfähigkeit. Wir ersetzen Begegnungen in der realen Welt mit virtuellen Kontakten. Das hat gefährliche Folgen – nicht nur in der Freizeit, sondern auch und gerade im Business. Wir verlieren auf dramatische Weise unsere Kompetenz, mit Kollegen, Kunden und Vorgesetzten erfolgreich zu kommunizieren.

3. Sozialer Austausch

Schon unsere Vorfahren sassen zusammen am Lagerfeuer und haben sich über die Jagd oder Kräuter und Beeren ausgetauscht. Dieser soziale Austausch war fürs Überleben wichtig und liegt uns immer noch im Blut. Heutzutage aber scheint der soziale Austausch über die digitalen Medien eher zur grossen Belastung für uns zu werden. Wie können wir das verhindern?

«Muss nur noch kurz die Welt retten…148 Mails checken»: Der Refrain des Hits von Tim Bendzko beschreibt den alltäglichen Wahnsinn präzise. Wir leben im Zeitalter der Kommunikationsrevolution – und die droht ihre Kinder zu fressen. Wir tippen immer mehr und immer schneller. Aber auch fehlerhafter, oberflächlicher, unpersönlicher. Und wir reden immer weniger. Vor allem aber lässt uns der digitale Stress oft genug das Wichtigste im Leben verpassen: menschliche Begegnungen.

Viel wichtiger wäre es, zu den wahren Ursachen der Probleme vorzudringen: Die Informationsflut entsteht zum grossen Teil, weil wir gewaltige Verschiebebahnhöfe von E-Mails geschaffen haben. Wir reden nicht mehr, wir schreiben «mal schnell 'ne Mail». Und die fällt dann entsprechend oberflächlich und oft genug missverständlich aus.

Missverständnis und Energieverlust

Wir müssen wieder lernen, die Probleme im direkten Gespräch oder in einem Telefonat mit unseren Kollegen zu besprechen. Das vermeidet Komplikationen, spart oft Zeit und entspannt unseren Arbeitsalltag ganz erheblich.

Wir tauschen uns bis ins letzte Detail über technische Probleme aus. Aber wer fragt, wie es den Kindern geht? Wer erkundigt sich nach dem gestrigen Abend? Wer flachst und scherzt? Genauso fehlt uns der freundschaftliche, warm pulsierende Handschlag, der aufmunternde, lockere Klaps auf die Schulter, die positive Energie eines offenen, freundlichen Lächelns aus ein paar Metern Entfernung. All das ist entscheidend für unseren Erfolg im Business. Denn robotergleiche Sprechautomaten machen weder Karriere, noch ziehen sie für ihre Unternehmen vielversprechende Aufträge an Land.

4. Die perfekte Balance

Was machen Sie ganz konkret, um einen Ausgleich oder eine Balance im digitalen Zeitalter hinzubekommen?

Ich gebe Ihnen hier ein paar Tipps, die mir persönlich sehr helfen, das Leben zu vereinfachen.

  1. ​Stress ist normal. Wichtig ist, dass er nur in kurzen Phasen auftritt, z.B. in einem Notfall oder an einem aussergewöhnlich intensiven Arbeitstag. Auf Stress muss Erholung folgen, denn Dauerstress führt zu körperlicher und mentaler Erschöpfung, im schlimmsten Falle sogar zu Krankheiten.
  2. Konzentrieren Sie sich aufs Wesentliche. Trennen Sie Wichtiges von Unwichtigem, spalten Sie grosse Aufgaben in kleinere Teilbereiche, setzen Sie Prioritäten – oft hilft eine To-do-Liste dabei. Effektives Zeitmanagement mit System und nach Plan verschafft Ihnen wertvolle Stunden für sich, die Familie oder Freunde.
  3. Halten Sie Ordnung. Investieren Sie jeden Tag ein paar Minuten in das Aufräumen Ihrer vier Wände, so stehen Sie am wohlverdienten Wochenende nicht vor dem totalen Chaos. Auch ein ordentlicher Schreibtisch hilft dabei, die Arbeit effizienter und konzentrierter zu verrichten.
  4. Unangenehme Dinge zuerst. Egal, ob zu Hause oder bei der Arbeit: Erledigen Sie auch unangenehme Aufgaben gleich. Je länger Sie etwas aufschieben, desto belastender setzt sich der Gedanke daran im Hinterkopf fest. Bringen Sie es hinter sich, dann sind Sie wieder frei für anderes.
  5. Vereinbaren Sie Termine mit sich selbst. In dieser Zeit unternehmen Sie dann ausschliesslich Dinge, die Ihnen Spass machen und guttun (ein Buch lesen, ein Bad nehmen oder einfach nichts tun) – und vergessen Sie nicht, diese Termine auch wirklich einzuhalten!
  6. Setzen Sie sich Ziele. Formulieren Sie Ihre Wünsche und Visionen klar und motivierend. Schwammige Vorsätze geraten schnell in Vergessenheit. So heißt es ab jetzt nicht mehr «Ich muss mehr Sport machen», sondern «Ich gehe jede Woche eine Stunde Rad fahren»
  7. Bewegen Sie sich. Auch wenn die Motivation nach einem anstrengenden Tag manchmal schwerfällt, sollten Sie sich und Ihrem Körper mit einer kleinen Runde Walken, Laufen, Schwimmen oder Radfahren etwas Gutes zu tun. Sie werden sehen: Der Kopf ist frei, Verspannungen lösen sich und die Glückshormone kommen nach ein wenig körperlicher Anstrengung ganz von selbst.
  8. Treffen Sie Freunde. Auch wenn die Zeit knapp ist: Vernachlässigen Sie Ihre sozialen Kontakte nicht und schieben Sie Verabredungen nicht ständig hinaus. Vereinbaren Sie lieber von vornherein zeitlich begrenzte Treffen (z.B. von 20 bis 22 Uhr) – so sind Sie zeitig zu Hause, hatten aber dennoch einen schönen Abend.
  9. Verteilen Sie Arbeit. Delegieren ist eine Fähigkeit, die viele Menschen erst lernen müssen. Aus Angst, andere könnten es «falsch» machen, übernimmt man oftmals lieber alle Aufgaben selbst. Dass dies – nicht nur bei der Arbeit, sondern auch privat – früher oder später zu viel wird, liegt auf der Hand. Verteilen Sie Aufgaben an MitarbeiterInnen, lassen Sie einfach einmal Ihren Partner bzw. Ihre Partnerin kochen oder die Kinder im Haushalt helfen. Trauen Sie Ihren Mitmenschen ruhig etwas zu.
  10. Nehmen Sie sich nicht zu viel vor. Oft ist weniger wirklich mehr. Verplanen Sie nicht Ihre gesamte Zeit, ein etwas lockerer Zeitplan lässt Platz für Spontanität.
  11. Geniessen Sie das Leben. Wenn Sie etwas geschafft haben, sollten Sie sich selbst eine Belohnung gönnen. Das motiviert für weitere Taten und Erfolge.
  12. Wechseln Sie den Job. Wenn sämtliche Massnahmen keinen Erfolg zeigen, ist es vielleicht an der Zeit, einen Arbeitswechsel in Betracht zu ziehen. Ob neues Unternehmen oder andere Position in der jetzigen Firma. Denken Sie in alle möglichen Richtungen.
  13. Reflektieren Sie. Führen Sie sich von Zeit zu Zeit vor Augen, wie sich Ihr Leben aktuell gestaltet. Sind Sie glücklich? Haben Sie genug Zeit für sich? Oder sollten Sie daran denken, Ihr Leben neu auszurichten?
Quelle: MentaleKraft ©2017

5. Privatleben vs. Arbeit

Wie finden Sie die nötige Work-Life-Balance? Lässt sich das wirklich so einfach einrichten? Wie reagiert Ihr berufliches Umfeld darauf? Wie Ihre Familien, Freunde und Bekannte?

Die Work-Life-Balance bezeichnet einen Zustand, in dem sich mein Arbeits- und Privatleben in einem Zustand des Gleichgewichts beziehungsweise der Ausgewogenheit befindet. Doch wann ist dieser Zustand erreicht? Hierbei spielen unterschiedliche Kriterien eine Rolle. Als zentral betrachte ich in der Regel die folgenden:

  • Es bleibt neben der Arbeit genug Zeit für die Familie.
  • Sie können sich in der Freizeit entspannen und abschalten.
  • Sie sind in der Lage, ein erfülltes soziales Leben zu führen.

Im Idealfall bedeutet dies, dass sich Privatleben und Arbeit gegenseitig ergänzen und positiv befruchten. Wie dies genau aussieht, hängt von jeder Person einzeln und Ihrer Lebenssituation ab. Als Familienvater mit kleinen Kindern möchten Sie wahrscheinlich neben der Arbeit besonders viel Zeit mit Ihrer Familie verbringen. Sind Sie ein kinderloser Single, haben Sie mehr freie Zeit und Energie übrig, auf lange Sicht sollten Sie Ihr Privatleben dennoch nicht ganz vernachlässigen.

Wer darin aber nur eine Möglichkeit sieht, weniger zu arbeiten und mehr Freizeit zu geniessen, greift zu kurz. Ein ausgewogenes und harmonisches Verhältnis zwischen Arbeits- und Privatleben hat eine Reihe von Vorteilen, die sich positiv auf jeden Einzelnen auswirken:

  • Mehr Leistungsfähigkeit: Der Mensch braucht Pausen, um frische Kraft zu tanken und leistungsfähig zu bleiben. Eine ausgewogene Work-Life-Balance sorgt dafür, dass Sie konzentrierter und effektiver sind.
  • Schutz vor Burn-out: Wer Körper und Psyche an die Grenzen bringt, muss oft lange kämpfen, um wieder zurück ins normale Leben zu finden. Das richtige Mass zwischen Privatleben und Arbeitsstress schützt vor Dauerstress und Burn-out.
  • Mehr Rückhalt: Wenn Sie über die Arbeit Ihre Familie und Freunde vernachlässigen, verlieren Sie wichtige Unterstützung bei der Bewältigung von Arbeitsstress. Im Gegenteil: So schaffen Sie zusätzliche Stressfaktoren – zum Beispiel durch einen unzufriedenen Ehepartner zu Hause.

6. Zukunftsaussichten

Lassen Sie uns zu guter Letzt einen Blick in die Zukunft wagen: Wie sehr wird uns dieses Thema weiter beschäftigen? Oder werden sich die Menschen so daran gewöhnt haben, dass es gar kein Thema mehr sein wird?

Wissen Sie, was Menschen sagen, die wissen, dass sie in absehbarer Zeit sterben werden? Bei der Frage, was sie am Ende ihres Lebens bereuen, sagt kaum einer von ihnen, dass er gerne mehr Zeit in seinem Büro verbracht hätte. Vielmehr wünschten sie, mehr Zeit mit ihrer Familie oder ihren Freunden verbracht zu haben und mehr Zeit für sich selbst gehabt zu haben. Und übrigens bedauern sie auch weniger, was sie im Leben getan haben (inklusive der gemachten Fehler), sondern vielmehr das, was sie in ihrem Leben NICHT getan haben.

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen ein ausgewogenes Leben, das Sie erfüllt und glücklich und zufrieden macht. IHR Leben eben.

Sie möchten an Ihrer Work-Life-Balance arbeiten? Schreiben Sie mir eine E-Mail und ich schicke Ihnen meine 10 Vorschläge für die Freizeitgestaltung nach Feierabend.

Kontaktinformationen:
Johannes Flies
Dipl. MentalTherapeut und MentalCoach, SIA
Persönlicher Coach von Spitzensportlern

mail@mentalkraft.ch
MentaleKraft

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