Teilen statt besitzen: Sharing Economy.

Fabienne Baumgartner
30.11.2015
in
Trends

Ob Auto oder Wohnung, Geige oder Bohrmaschine: Tauschen und Teilen hält Einzug in alle Lebens- und Arbeitsbereiche. Wird dieses gesellschaftliche Umdenken unser Konsumverhalten nachhaltig ändern?

Wir leben im Überfluss: Wir besitzen viel und benutzen wenig. Die Lösung liegt auf der Hand: teilen. Besitzt Nachbar Maier eine Bohrmaschine, die nur zwei Mal im Jahr benutzt wird, kann er diese gratis oder gegen Entgelt an seine  Nachbarn Müller und Schmid verleihen. So wird die  «Ressource» Bohrmaschine optimal genutzt und alle Beteiligten – abgesehen vom Bohrmaschinen-Hersteller – profitieren. Angebot und Nachfrage treffen sich. Den Begriff «Sharing Economy» hat der Harvard-Ökonom Martin Weitzman in seinem gleichnamigen Buch bereits in den 1980er Jahren geprägt. Der Wohlstand für alle erhöhe sich, so seine These, je mehr alle Marktteilnehmer miteinander teilen.

Generation Y.

Der Trend der «Sharing Economy» ist vor allem bei der jungen Generation Y, die ab 1980 Geborenen, beliebt und dehnt sich auf immer mehr Produkte und Dienstleistungen aus. Auch früher schon gab es WGs und Büchereien. Doch erst mit dem Internet lassen sich grosse Massen erreichen: Smartphone und soziale Netzwerke machen das Teilen einfach und schnell. Dazu kommt, dass sich die unter Dreissigjährigen statt Luxus mehr Zeit für sich wünschen: Besitz bedeutet nicht länger nur Status, sondern zunehmend Last. Daher ist es auch in Ordnung, statt im Boxspringbett eines Hotels bei einem Wildfremden auf der Couch zu schlafen.

Erfolgreich: Airbnb.

Apropos Couch: Eines der bekanntesten Unternehmen, das auf dem Prinzip des Teilens basiert, ist Airbnb. Gegründet 2008, stellt die Wohnungsvermittlung inzwischen Unterkünfte für mehr als 17 Millionen Kunden in 190 Ländern bereit und kommt heute auf einen Marktwert von 10 Milliarden Dollar. Die Anfänge von Airbnb liegen wie die der meisten Firmen des Co-Konsums im Silicon Valley. Doch auch in der Schweiz blüht die Tauschlandschaft . Velos teilt man auf publikbike.ch, ein Fondue-Caquelon auf sharely.ch und Handtaschen auf armoireaurevoir.ch – und auf der Plattform rentarentner.ch bieten sich Pensionäre für Garten- oder Büroarbeiten an.

«Sharing» teilt die Schweiz.

Zwischen März und Mai dieses Jahres hat die Beratungsfirma Deloitte eine Befragung zum Thema Sharing Economy durchgeführt mit zum Teil überraschenden Ergebnissen. So wird in den nächsten 12 Monaten jeder zweite befragte Schweizer Konsument Güter und Dienstleistungen via Sharing Economy Plattform mieten oder vermieten. Das sind 10 Prozent mehr als in den USA. Der Röstigraben besteht auch bei den Sympathien für das Prinzip des Teilens: 65% der Romands bezeichnen sich als Anhänger der Sharing Economy. Bei den Deutschschweizern sind es hingegen nur 32% – weniger als die Hälfte. Auch grosse Schweizer Unternehmen wie die Migros, Mobiliar, Nestlé oder die SBB haben erkannt, dass sich mit Teilen Geld verdienen lässt – und beteiligen sich an Startups oder an Forschungsinstitutionen im Bereich der Sharing Economy.

Lukrative Geschäftsmodelle.

Mit den Investoren verändert sich jedoch die Idee vom freundlichen Co-Konsum, ungenutzte Ressourcen durch gleichberechtigten Austausch produktiv zu machen. Aus dem idealistischen Teilen werden renditeorientierte Geschäftsmodelle, die vor allem jenen nützen, die eh schon genug haben. Amerikanische Untersuchungen zeigen, dass es vor allem die Mittelklasse ist, die die Sharing-Economy nutzt und von ihr profitiert. So sind die Vermieter von Airbnb vor allem gutverdienende Grossstädter, die sich schöne Wohnungen in beliebten Quartieren geleistet haben und freie Zimmer zweitverwerten. Blockwohnungen in der Agglomeration finden sich auf Airbnb keine. Denn diejenigen, die dort wohnen, haben weder den Platz noch die Zeit, um ihre Wohnung zu teilen.

Gefahren der Share Economy.

Und so besteht letztlich die grosse Gefahr, dass die Sharing Economy ihre ursprünglich altruistischen Motive des Teilens und Tauschens ins Gegenteil verkehrt. Denn die meisten der lukrativen Sharing-Unternehmen wie zum Beispiel die US-Firma Uber, unterlaufen Arbeitsbedingungen, Sicherheits- sowie Rechtsvorschriften und bedrohen mit den billigeren Preisen die Existenz der etablierten Firmen. Nicht einmal vor der Nachbarschaftshilfe ist die Kommerzialisierung sicher: Auf mila.com kann man «geprüfte friends in der Nachbarschaft» buchen und finden. Müssen wir folglich bald nicht nur unseren Besitz, sondern unser ganzes Leben als Kapital betrachten? Hoffentlich nicht.

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