Telemedizin wird Alltag. Früher oder später.

Fabienne Baumgartner
5.8.2015
in
Trends

Derzeit testet fast jede Branche, wie sie mit Hilfe des Internets Abläufe effizienter, schneller und einfacher machen kann. Doch wer krank ist, muss sich trotzdem zum Arzt schleppen. Noch.

Wenn die Ärztin von Mae Holland wissen möchte, wie es der 24-Jährigen geht, kann sie auf ihrem Computer in Echtzeit EKG, Körpertemperatur und die Kalorienzufuhr überprüfen. Alle diese Daten misst eine kleine Kapsel in Maes Körper. Dieses Szenario ist eine Utopie – beschrieben in Dave Eggers Roman The Circle . In seinem 2013 erschienenen Bestseller zeichnet Eggers die Vision einer Internet-Gesellschaft, in der durch Transparenz und Überwachung vollständige soziale Kontrolle erreicht wird.

Utopie wird Realität.

Tatsächlich sieht das Bild der Zukunft im Gesundheitswesen ähnlich aus. Das Ziel ist, mittels Telemonitoring – einem Teilbereich der Telemedizin – alle wichtigen medizinischen Daten eines Patienten zu sammeln und digital aufzubewahren. Auf diese Weise wird ein gebrochener Arm oder Asthma genauso dokumentiert wie ein Hautausschlag oder eine Wurzelbehandlung. Auch alle jemals verschriebenen Medikamente sowie Blutgruppe und Informationen über Allergien finden sich in der digitalen Patientenakte. Aber: „Auch in der Telemedizin muss der Arzt überzeugen und nicht überreden“, sagt Friedrich Köhler. Der Kardiologe leitet seit 2013 an der Berliner Charité eine der weltweit grössten Studien zur telemedizinischen Versorgung von Patienten mit chronischer Herzinsuffienz. Wirklich erfolgreich sei die Telemedizin nur bei Patienten, die selbst aktiv mitmachen wollen, weiss Köhler aus Erfahrung.

Viele Vorteile.

Tatsächlich kann der schnelle Zugriff auf die digitalisierte Patientenakte bei einem Notfall Leben retten. Besonders hilfreich ist das Telemonitoring auch für chronisch Kranke, die langfristiger und regelmässiger Pflege bedürfen – etwa bei Diabetes oder Herzinsuffienz. Sein Einsatz ermöglicht es, Symptome und Anomalien bereits bei einer Routine- oder Notfalluntersuchung festzustellen und präventiv Massnahmen zu ergreifen. Auch ländlichen Gegenden mit wenigen ambulanten Fachärzten garantiert die Telemedizin die optimale Versorgung der Patienten: So wird beispielsweise eine Computertomographie in Baselland gemacht und die Auswertung übernimmt ein Experte am Unispital in Basel.

Das Wunder von Brunei.

Komplizierte Befunde könnten gar von mehreren Ärzten per Videokonferenz besprochen werden. So geschehen bei der Operation der 12-jährigen Dhania 2013 in Brunei: Die gesamte Behandlung des Mädchens, das an einer Autoimmunkrankheit litt, wurde von Frankfurt aus via Videokonferenzen geleitet. Die deutschen Neurologie-Experten bekamen regelmässig Röntgenaufnahmen und ausgewertete Bluttests gemailt und konnten anhand dieser Daten präzise Diagnosen stellen – aus 12 000 Kilometer Entfernung. Das Ergebnis: Dhania ist heute wieder gesund und führt ein beinahe normales Leben.

Sicherheit der Daten.

Die Vorteile der Telemedizin liegen auf der Hand. Warum regt sich dennoch Widerstand – von Seiten der Ärzte wie auch der Patienten? Möglicherweise fürchten die Ärzte, durch die Digitalisierung ihre Jobs zu verlieren, und empfinden eine Ferndiagnose als nicht vereinbar mit dem klassischen Arzt-Patienten-Verhältnis. Patienten hingegen haben Bedenken, was die Sicherheit ihrer Daten betrifft: Ihr Vertrauen ins System ist stark geschädigt – nicht zuletzt durch die vielen Hacker- und Spähangriffe der letzten Jahre.

E-Health-Strategien.

Dennoch hat der Deutsche Bundestag im Mai dieses Jahres den Entwurf eines sogenannten E-Health-Gesetzes beschlossen und auch in der Schweiz haben Bund und Kantone die Zeichen der Zeit erkannt. Der Bundesrat unterstützt die Entwicklung von E-Health und hat diese Thematik in den Zielen der Strategie „Gesundheit 2020“ festgehalten. Dessen Ziele: elektronische Patientendossiers auf nationaler Ebene einzuführen und ein Portal mit gesundheitsrelevanten Informationen für die ganze Schweiz zu schaffen.

Es bleibt nun die Hoffnung, dass die Mehrheit der Bürger in wenigen Jahren erkennt, dass der Nutzen von Telemedizin das Risiko überwiegt. Und dass es im Falle der Gesundheit um alles oder nichts geht.

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