Top-Manager Peter Sany im Notch Interview.

Fabienne Baumgartner
21.3.2017
in
People

Peter Sany war die letzten zwei Jahre Präsident und CEO der Industrievereinigung Tele-Management-Forum – nach fast zwölf Jahren an der Spitze der IT bei Swiss Life, UBS, IBM, Deutsche Telekom und Novartis. Das TM Forum kümmert sich unter anderem um die Verbesserung von IT-Prozessen und die Erarbeitung von neuen Standards im Zuge der Digitalisierung.

1. Förderung von Innovationen.

Sie waren in den letzten zwei Jahren CEO des TM Forums, einem globalen Netzwerk für digitale Innovation mit über 800 Mitgliedern und grossen Namen wie IBM, Oracle, Accenture, Huawei, China Mobile, Telefonica und AT&T. Wie fördert das Forum Innovationen?

Das TM Forum fördert die Innovation in der offenen Kollaboration zwischen aktiven interessierten Mitgliedern in passenden Gruppen. Beim Catalyst Programm bringt ein «Champion» ein Innovationsthema aufs Tablett. Im Anschluss stellen fünf bis acht Firmen mehrere Spezialisten und treiben das Projekt in einem agilen, offenen Co-Development-Prozess in 3-monatigen Zyklen voran.

2. Kollaboration.

Wie wird die Zusammenarbeit in einem so grossen Kreis und mit so vielen Teilinteressen orchestriert?

Das TM Forum hat über die Jahre hinweg ein gemeinsames Referenzmodell geschaffen: Frameworx. Das ist die gemeinsame Plattform, die sicherstellt, dass die vielen Catalyst Projekte, die parallel laufen, sowie die grossen Programme ihre Resultate austauschen können. Und dass diese Projekte technisch und prozessual kompatibel sind. Einfach gesagt, geht es um die Erkenntnis, dass gemeinsame Standards und Best-Practices – kombiniert mit «divide et impera» und agilen Methoden – allen helfen.

3. Schweizer Unternehmen.

Welche Schweizer Unternehmen sind involviert?

Eine ganze Reihe grosser Schweizer Unternehmen sind Mitglieder und spielen eine aktive Rolle; zum Beispiel die Post, SBB, Swisscom, aber auch eine Reihe von KMUs wie Datalynx oder ISPIN. Desweiteren ist beispielsweise die Stadt Zürich interessiert am spezifischen Smart City Forum des TM Forums. Schweizer Firmen haben viel zu geben, aber auch zu gewinnen. Oft unterschätzen wir das Export-Potential unserer Schweizer Lösungen in Märkten, die grösser und schneller implementieren als wir in Europa. Umgekehrt können wir viel von asiatischen Märkten lernen: Das kann zu einer klassischen Win-Win-Beziehung führen.

4. The Roadmap to Digital Success.

Der Claim des TM Forums lautet «The Roadmap to Digital Success». Was ist die Basis für digitalen Erfolg?

«Das Wichtigste ist, dass man sich nicht am Althergebrachten festklammert, sondern sich darauf konzentriert, welche Wertschöpfung in den neuen digitalen Geschäftsmodellen schlummert. Das bedingt, dass man sich selbst in Frage stellen will und kann – und dies ist nicht immer ganz einfach. Dennoch sind die digital native Businesses oft um 100 Mal oder in manchen Fällen gar um 1000 Mal effizienter, schneller und besser und vor allem kundenorientierter als die traditionellen Unternehmen. Bei der Transformation hilft ein ausgeklügeltes Benchmarking und Prozessvorgehen, um sich auf diejenigen Bereiche zu fokussieren, die wirklich zukunftsträchtig sind.»

5. Silicon Valley vs. China.

Die Schweiz schaut für digitale Innovationen nach wie vor hauptsächlich in Richtung Westen ins Silicon Valley. Dabei sind in China bereits heute viele neue digitale Geschäftsmodelle erfolgreich, die bei uns noch in der Zukunftsschublade liegen (z.B. eCommerce über Messenger). Sie sind auch viel an Konferenzen in China. In welchen Bereichen ist China weiter als der Rest der Welt? Welche konkreten Beispiele gibt es?

«Die Affinität und Bereitschaft, neue Technologien und digitale Business Modelle schnell und flächendeckend einzusetzen, ist in den wachsenden Märkten Asiens, aber auch in Afrika oder Indien viel grösser, als in vielen traditionellen Märkten wie Europa oder gar den USA. Beispiele hierfür gibt es mehr als genug. Denken wir nur an mobile money, das seit über zehn Jahren in Afrika gang und gäbe ist und bei uns mit Twint etc. gerade erst versucht Fuss zu fassen. Auch in den Bereichen e-Commerce sind Firmen wie Alibaba in China führend. Branchenübergreifende Konsortien zwischen Telekommunikationsanbietern, Technologiefirmen, Banken und Versicherungen führen beispielsweise in China zu hocheffizienten und extrem kundenfreundlichen Prozessen, Lösungen und digitalen Produkten. Auch im Bereich Smart Cities sind China sowie der Mittlere Osten führend.»

6. Informationsquellen aus China.

Traditionell ist in den gängigen lokalen und globalen Informationsquellen immer noch relativ wenig über China zu lesen. Welche Quellen empfehlen Sie, um sich über die Entwicklungen in Asien auf dem Laufenden zu halten?

«Hier gibt es einige Quellen und die meisten sind online. TM Forum bietet zum Beispiel den Inform Channel an. Auch LinkedIn und Light Reading organisieren Plattformen für unterschiedliche Interessengruppen.»

7. Digitale Innovation.

Wie gehen Unternehmen in China digitale Innovation an und was ist anders als in den USA?

«China ist eine direktive Wirtschaft. Vor zwei Jahren wurde vom Präsidenten das sogenannte «Internet Plus» als prioritäres Ziel genannt. Darunter versteht man die digitale Transformation der gesamten Wirtschaft. Nun investieren zum einen lokal alle grossen Unternehmen, die KMUs und vor allem die Städte mit starken Smart City Programmen in dieses Thema. Und zum anderen versucht China enge Partnerschaften mit globalen Unternehmen einzugehen und seine Technologien und Lösungen zu exportieren. In den USA gibt es weniger konzertierte Aktionen; diese werden eher von einzelnen Firmen oder Konsortien wie IIC (Industrial Internet Consortium) geführt.»

8. Werkstatt China.

China ist die Produktionsstätte für die ganze Welt. Wann wird China zusätzlich den Markt von digitalen Services und Produkten beherrschen?

«Wenn wir Firmen wie Alibaba, Huawei oder DJI (der grösste Drohnen Produzent der Welt) anschauen, müssen wir uns eingestehen, dass dies bereits heute schon geschieht.»

9. Zukunft.

Trends werden oft kurzfristig überschätzt und zum Hype, langfristig aber unterschätzt und zum blinden Fleck. Zurzeit erwarten wir, dass sich viele neue Möglichkeiten wie z.B. Voice Recognition, Passagier-Drohnen oder fahrerlose Lastwagen tatsächlich in einem breiten Markt durchsetzen werden. Welche Entwicklungen sehen Sie in naher Zukunft am Start?

«Das ist eine schwierige Frage – ich komme da in Versuchung, an Mike Shiva zu delegieren. Die Entwicklungen sind in den verschiedenen Märkten doch sehr unterschiedlich bezüglich Inhalt und Veränderungsgeschwindigkeit. In der Schweiz erwarte ich eine permanente Veränderung in kleinen Schritten und weniger grosse, plötzliche Umwälzungen. Dennoch halte ich es für unerlässlich, dass sich Unternehmen in Frage stellen, permanent nach neuen (digitalen) Möglichkeiten zu suchen und diese dann implementieren. Klassische Fast-Follower werden zu langsam sein, um nachhaltig mithalten und sich schnell genug transformieren zu können. Wir sollten zudem unser Potential als Wissens- und Innovationsstandort – eine gute alte Schweizer Tradition – konsequenter ausschöpfen und konstant ausbauen. Dann werden wir neben Google auch viele andere Technologie-Exporteure ansiedeln und weiterentwickeln können.»


Kontakt und Information:

Peter Thomas Sany, Master of Science in Computer Science, Universität Zürich
Datalynx AG, Member of the Board of Directors
Frauenhofer IAIS, Chairman of the Advisory Board
Senior International Business Executive Driving Digital Transformation
Linkedin  

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