Urban Gardening: Holt das Grün in die Stadt.

Fabienne Baumgartner
25.11.2015
in
Trends

Hobbygärtner haben Konkurrenz bekommen. Anhänger der ökologisch ausgerichteten «Urban Gardening»-Bewegung verändern den städtischen Grünraum.

Und die neuen Gärtner wollen mehr, als Rosen züchten oder Kartoffeln anbauen. Mit wilden Dachgärten, individuellen Balkonbeeten und offenen Gemeinschaftsgärten geben sie der Natur neuen Raum. So werden stillgelegte Industrieareale zu Familiengärten, inmitten von Asphalt spriessen dank «Seed Bombs» Blumenoasen und auf Dachgärten gedeihen Zucchetti. Dabei ist «Urban Gardening» die zeitgemässe Abwandlung eines alten Konzepts: Freiräume für Pflanzen in den Städten zu erobern und den Anbau von Lebensmitteln in die Wohngebiete zurückzuholen.

Die Schrebergarten-Bewegung.

Seit die Industrialisierung Menschen zur Landflucht und zum Leben in städtischen Grosssiedlungen gezwungen hat, besteht die Sehnsucht nach Erholung und Arbeit im Garten. Dr. Moritz Schreber (1808–1861), Mediziner preussischer Schule und Namensgeber der Pachtgärten, propagierte das Gärtnern als gesunde, kräftigende Leibesübung für Städter. 1864 gründete sich in Leipzig der erste Schrebergartenverein. Der gab die bis heute gültige Grundregel vor: Pachtgärten sollen Familien als stadtnaher Garten- und Freizeitraum von Nutzen sein, wobei die Parzellen ordentlich aussehen müssen. Seit einigen Jahren gibt es in den Grossstädten der Schweiz lange Wartelisten für einen der begehrten «Pünten». Diese werden vor allem von jungen Paaren und Familien gestürmt, bei denen die uralte Freude am Pflanzen und Ernten wieder aufgeflammt ist.

Das Glück des Gärtnerns.

Ob im Schrebergarten, auf dem Balkon oder im Hinterhofbeet: Gärtnern verschafft ein gutes Gefühl und das Arbeiten mit den blossen Händen innere Befriedigung. Nicht jeder, der eine berufliche Krise hat, schmeisst gleich seine Existenz hin. Aber ein paar Stündchen buddeln, säen, jäten und ernten liegen immer drin. Nicht von ungefähr bewirbt der Bundesverband Deutscher Gartenfreunde Schrebergärten gar als «stabilen Ort in unsicheren Zeiten» und als «Erlebnis- und Erfahrungswelt». Hier kann der Mensch urmenschliche Bedürfnisse ausleben, Entschleunigung erleben und Verantwortung übernehmen. Und schöpferisch, zerstörerisch oder subversiv tätig sein – wie beim Guerilla Gardening.

Guerilla Gardening.

Salat auf der Verkehrsinsel, Hanfpflanzen in Geranienkästen, Kakteen in Mauerritzen: Der Kreativität von Guerilla-Gärtnern sind keine Grenzen gesetzt, sofern sie nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Die Idee, heimlich Pflanzen und damit ein politisches Zeichen zu setzen, gibt es bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Damals wollten Intellektuelle die Lebensqualität der Menschen in den Städten erhöhen. Genau dieses Ziel verfolgt auch der Zürcher Guerillagärtner Maurice Maggi. «Die Städte wachsen, aber unser Lebensraum wächst nicht mit. Damit unsere Gesellschaft zusammenrücken kann, brauchen wir öffentliche Räume, in denen sich die Menschen wohlfühlen », so der gelernte Gärtner und Pionier der Bewegung. Seit 30 Jahren lässt Maggi unter anderem in Baumscheiben, dem erdbraunen Rund um den Stamm von Bäumen auf Trottoirs oder Parkplätzen, Samenmischungen spriessen und macht Zürich damit bunter und lebenswerter.

Lokale Produktion.

Doch es geht beim «Urban Gardening» nicht nur um Lebensqualität und Sehnsuchtserfüllung. Auch die lokale und umweltschonende Produktion ist ein wichtiger Aspekt. Die – zumindest teilweise – Selbstversorgung mit Gemüse und Obst gewinnt aufgrund des urbanen Bevölkerungswachstums vermehrt an Bedeutung. Dazu kommt, dass die Menschen ein immer grösseres Interesse und Bedürfnis an umweltverträglich und sozial gerecht produzierten Nahrungsmitteln haben. Und was könnte dem Gaumen und dem Gewissen besser schmecken, als Erdbeeren oder Tomaten, die im eigenen Garten gehegt und gepflegt wurden? Doch letztlich ist es ganz gleich, aus welchen Motiven ein Stadtgarten angelegt wird: Wir alle profitieren davon. «Urban Gardening» verbessert das Mikroklima, trägt zur Artenvielfalt bei, schafft Orte für Begegnungen – und macht das Leben in der Stadt einfach schöner.

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