Vom Hype zur festen Grösse: Update zum 3D Druck.

Fabienne Baumgartner
6.6.2016
in
Trends

Sie befinden sich am oder im Körper, in Gebäuden, auf der Strasse, und sogar in der Luft: Erzeugnisse aus dem 3D Drucker. Was bis vor ein paar Jahren nach Science Fiction klang, ist schon (bald) Alltag.

Sensationell, phantastisch, bahnbrechend – als die ersten 3D Drucker auf den Markt kamen, überschlugen sich die Experten in ihren Bewertungen dieser neuen Technologie. Es entstand ein regelrechter Hype um die neuen Wunderdrucker, der selbst in einer Folge einer der erfolgreichsten amerikanischen TV-Serien Einzug hielt. Der «Big Bang» und der Hype sind nun vorbei und es kristallisiert sich heraus, dass die 3D Drucker weit mehr sein werden, als nur eine temporäre Spielerei. Sie haben sogar das Potenzial, eine neue industrielle Revolution auszulösen.

3MF – ein neuer Standard wird etabliert.

Dass dies auch wirklich der Fall sein könnte, wird sehr schnell klar, wenn man sich Folgendes vor Augen führt: Die vier weltgrössten IT Anbieter haben mit den drei führenden Technologiefirmen im 3D Druckbereich ein Konsortium gegründet und einen einheitlichen Standard für 3D Druckdaten festgelegt. Der Name dieses Formats lautet 3MF. 3MF bedeutet 3D Manufacturing Format. An diesem Konsortium sind die Branchenriesen Microsoft, Hewlett-Packard, Dassault Systems und Autodesk beteiligt sowie die 3D Druckspezialisten FTT/netfabb, Shapeways und SLM Solutions.

Nahezu unbegrenzte Möglichkeiten.

Somit bekommen auch die Aussagen des Futuristen Ray Kuzzweil und eine Studie von McKinsey eine neue Dimension, in denen davon gesprochen wird, dass die 3D Drucktechnologie eine disruptive Technologie ist. Also eine Technologie, die eine bestehende Technologie, bestehende Produkte oder Dienstleistungen möglicherweise vollständig verdrängt.

Das überrascht nicht, betrachtet man die Bereiche, in denen 3D Drucker eingesetzt werden und die Möglichkeiten, die dank ihnen entstehen. So werden schon jetzt mehr und mehr Ersatzteile für die Automobil-, Flugzeug- und Fahrradbranche produziert. Sogar komplette Motorradchassis wurden bereits gedruckt.

Auf die Möglichkeiten von 3D Druckern angesprochen, rechnet der Flugzeugbauer Airbus bei der Produktion von Einzelteilen mit einer Einsparung beim Gewicht von bis zu 50% und beim Rohmaterial bis zu 90%. Zudem gehen Studien davon aus, dass aufgrund des 3D Drucks 50% der Entwicklungskosten eingespart werden können, da die Prototypen nicht mehr extern produziert werden müssen. So stellt der Flugzeugturbinenhersteller GE seine Treibstoff-Einspritzdüsen bereits mit 3D Technologie her.

Auch in der Bauindustrie treten die 3D Drucker nach und nach ihren Siegeszug an. Vor allem in China werden dabei immer wieder verblüffende Beispiele produziert. Aber Europa muss sich nicht verstecken, wie eine innovative Brücke in Amsterdam beweist. In Dubai hingegen wird wieder einer oben drauf gesetzt und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn hier soll ein ganzes Gebäude aus dem Drucker gezaubert werden. Dazu druckt ein sechs Meter hohes Gerät Schicht für Schicht die Gebäudeteile aus, die dann entsprechend zusammengesetzt werden. Experten erwarten, dass dank dieser neuen 3D Gebäudetechnologie die Produktionszeiten um 50% bis 70% verringert werden können und die Arbeitskosten um 50% bis 80%.

Weitere Möglichkeiten für den industriellen Einsatz von 3D Druckern sind der Bastel- und Do-It-Yourself-Bereich, der Mode-, Schmuck- und Kosmetikbereich oder die Spielzeugindustrie. Aber auch das Britische Militär ist auf die Vorteile der 3D Drucktechnologie aufmerksam geworden. In der Schweiz nutzen bereits einige Uhrenhersteller, die Nähmaschinenfabrik Bernina, der Hörgerätehersteller Sonova und die Stanser Flugzeugwerke die neue 3D Drucktechnologie.

Ein ganz wichtiger Bereich aber ist die Medizin, die bisher mit etlichen Aufsehen erregenden Entwicklungen ganz neue Wege und Möglichkeiten in Aussicht stellt. So bewilligte die US Gesundheitsbehörde jüngst die ersten gedruckten Tabletten (Levetiracetam). Viel spektakulärer allerdings sind die Ergebnisse bei der Dental- und Rekonstruktionsmedizin. So wurde in der amerikanischen Stadt Omaha Handprothesen kreiert, deren bunte Finger greifen können. Dank der neuen 3D Drucktechnik lassen sich Prothesen wie beispielsweise Hüftgelenke wesentlich schneller und einfacher herstellen und einsetzen.

3D Drucker in Zukunft auch zu Hause?

Auch die Lebensmittelindustrie ist inzwischen auf den Geschmack von 3D Druckern gekommen. Hierbei eignen sich Schokolade und Brotteig besonders für diese neue Art der Produktion. Aber damit ist lange noch nicht Schluss, denn schon bald könnten wir Zustände wie auf dem Raumschiff Enterprise haben, wo das Essen bzw. die Nahrung reprodurziert wird. Experten gehen davon aus, dass in etwa zehn Jahren die meisten Leute in der Schweiz ein Gerät zu Hause stehen haben, mit dem sie sich ihre eigene Pizza «drucken» werden.

Yves Ebnöther, der Gründer von Fablab Zürich, sagt, dass man heute schon vieles selber ausdrucken kann, wie zum Beispiel Schmuck, Teile von Spielrobotern, Dekorationsteile für Modelleisenbahnen, aber auch Brillengestelle, Staubsaugerteile und Ähnliches. Das liegt daran, dass die Vereinfachung des Druckvorgangs immer mehr Richtung «Plug and Play» voranschreitet und somit natürlich 3D Drucker auch für Haushalte mehr und mehr interessant werden.

Die Revolution hat begonnen.

Diese Vereinfachung wird zur Folge haben, dass langfristig ein Umdenken und ein Umbau der heutigen Strukturen in Industrie und Gesellschaft stattfinden wird, ja muss. Noch mehr weg von einer Produktionsgesellschaft hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft. Das wird selbstverständlich Auswirkungen auf die Gesellschaft haben und viele neue Chancen bringen – auch und vor allem für die Werbung und Kommunikation von Produkten und Dienstleistungen. Man scannt zum Beispiel einen QR-Code in den Drucker ein und erhält einen gratis Jogurt ausgedruckt anstelle von den üblichen 10% Rabatt an der Kasse. Und das ist jetzt erst einmal konservativ gedacht. Die Revolution hat begonnen.

Quellen: Phys.org, ingenieur.de, 3d-grenzenlos.de

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