Was eine digitale Wertschöpfungskette ausmacht.

Was eine digitale Wertschöpfungskette ausmacht.

Die vierte industrielle Revolution nimmt mehr und mehr Fahrt auf. Wer sich dabei vom Silodenken im Unternehmen löst und eine digitale Wertschöpfungskette implementiert, wird zu den Gewinnern zählen.

von Willem van der Touw, MSc & von Oliver Glitz

Wie in unserem ersten Artikel über die Digitalisierung der Wertschöpfungskette bereits beschrieben, war die Automatisierung schon vor gut 2000 Jahren in der hellenischen Welt Teil der Gesellschaft – allerdings mehr am Rande und mehr zur Unterhaltung. Damals sahen die Gelehrten einfach keine gesellschaftliche Notwendigkeit, eine Automatisierung konsequent weiterzuverfolgen und für den Alltag – vor allem für die Arbeitswelt – nutzbar zu machen. In der Geschichte der Menschheit gab es dann immer wieder mal vereinzelte Versuche einer Automatisierung, aber erst ab 1800, im Zuge der ersten industriellen Revolution, wurde sie in der Arbeitswelt vorangetrieben und über die nächsten 200 Jahre grossflächig ausgerollt. 

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts allerdings ist eine Automatisierung für den Unternehmenserfolg unverzichtbar geworden. Gerade auch, weil die digitale Welt mehr und mehr Einzug in die Arbeitswelt hält – und das auf allen Ebenen. Aber, wie schon bei den vorangegangenen Automatisierungsphasen, ist es auch diesmal wahrlich kein Selbstläufer. Wer seine Wertschöpfungskette digitalisieren will, sollte sich vom oftmals typischen Silodenken zwischen Produktions-, Entwicklungs-, Informatik- und Finanzabteilung in Unternehmen lösen. Und eine Digitalisierung der Wertschöpfungskette passiert nicht von heute auf morgen. Das braucht Zeit sowie das Verständnis und den Willen dafür, dass man seine gesteckten Milestones und Ziele gegebenenfalls nochmals anpassen muss. 

Was eine digitalisierte Wertschöpfungskette ausmacht, was sie beinhaltet, worauf man achten sollte und welche Stufen es gibt, stellen wir Ihnen im Folgenden in aller Kürze vor.


Die digitale Wertschöpfungskette als Ecosystem.

In einer althergebrachten Wertschöpfungskette versuchen die unterschiedlichen Abteilungen herauszufinden, was das nächste Glied in der Kette gerade benötigt und auch in welcher Menge. Durch diese geschätzten Daten steigt die Gefahr, dass an den wirklichen Bedürfnissen der Verbraucher vorbei produziert wird. Der Profit fällt somit geringer aus als er eigentlich ausfallen könnte. Eine andere Gefahr besteht darin, dass die Produktion unabhängig vom Marketing oder anderen Abteilungen bzw. Partnern operiert. In beiden Fällen verursacht die fehlende Transparenz, dass Unternehmen nicht schnell genug auf sich ändernde Marktsituationen reagieren können und so ins Hintertreffen geraten. 

Wird die Wertschöpfungskette hingegen digitalisiert und so zu einem Ecosystem umgestaltet, bietet die Vernetzung aller Abteilungen und Partner die Möglichkeit, viel schneller auf Änderungen reagieren zu können. Um eine digitalisierte Wertschöpfungskette erfolgreich zu implementieren, braucht es acht Key Elemente, auf die wir etwas später noch genauer zu sprechen kommen. Zunächst aber noch ein Vergleich der beiden Wertschöpfungsketten, bei dem auch schnell klar wird, welche Vorteile bei einer Digitalisierung entstehen. 


Die traditionelle Wertschöpfung(skette) im Vergleich zum Ecosystem Wertschöpfung(skette).
 

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Wie anhand der beiden Grafiken sehr schön zu sehen ist, befindet sich im Ecosystem Wertschöpfungskette ein Kontrollzentrum, das nicht nur mit allen Abteilungen und den Kunden verknüpft ist, sondern auch mit allen direkten Verbindungen zwischen den einzelnen «Kettengliedern». Daraus ergeben sich folgende, entscheidende Vorteile:

  • Transparenz: man hat gesamte Kette immer voll im Blick
  • Kommunikation: Informationen können gleichzeitig an alle Kettenglieder weitergegeben werden
  • Zusammenarbeit: eine selbstverständliche Weiterentwicklung entsteht, welche die Wertschöpfungskette noch stärker werden lässt
  • Flexibilität: Änderungen bei den Kundenbedürfnissen können sofort erfasst und neu bewertet werden
  • Reaktionsvermögen: auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette können in Echtzeit Anpassungen bei der Planung und Ausführung vorgenommen werden

Dank der kompletten Vernetzung aller Kettenglieder im Kontrollzentrum hebt die digitale Wertschöpfungskette die beiden sehr wichtigen Unternehmenspunkte Effizienz und Effektivität auf ein neues, Gewinn bringendes Level. 

Die 8 Key Elemente der digitalen Wertschöpfungskette.

Kommen wir jetzt aber zu den schon angesprochenen acht Key Elementen. Sie sind so etwas wie die Grundvoraussetzung einer funktionierenden digitalen Wertschöpfungskette und idealerweise alle vorhanden. Je nach Branche und Unternehmen können aber auch einzelne Key Elemente keine Rolle spielen und sind deshalb nicht zwingend notwendig. Die acht Key Elemente sind «Spezialisten für eine smarte Wertschöpfungskette», «Festgelegte Wertkettenschöpfungs-Analysen», «Beschaffungswesen 4.0», «Intelligentes Lagerwesen», «Effizientes Ersatzteil-Management», «Selbstständige und B2C Logistik», «Sichtbarkeit des Nachschubs» sowie «Integriertes Planen und Ausführen». Sie sind nicht nur untereinander verknüpft, sie bauen aufeinander auf, wie die folgende Grafik zeigt. 

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Die «Spezialisten für eine smarte Wertschöpfungskette» stellen so gesehen die Basis für eine funktionierende digitale Wertschöpfungskette. Je besser sie sind, umso besser wird auch die digitale Wertschöpfungskette sein. Zusammen mit dem «Integrierten Planen und Ausführen» bilden sie so etwas wie einen Rahmen und stehen nicht direkt in Wechselwirkung mit den anderen Key Elementen. Alle anderen Elemente haben das Ziel, das richtige Produkt zum richtigen Zeitpunkt herzustellen und zu den richtigen Kunden auszuliefern. Je besser hier der Austausch von Informationen erfolgt, umso erfolgreicher wird das Unternehmen sein.


Die 4 «Reifegrade» der digitalen Wertschöpfungskette.

Wie schon zu Beginn angesprochen, stellt man nicht von heute auf morgen auf eine digitale Wertschöpfungskette um. Dieser Prozess braucht Zeit. Dabei unterscheidet man in vier «Reifegrade» oder Stufen einer digitalen Wertschöpfungskette.

Stufe 1 «Digitaler Novize»
Hierbei handelt es sich noch um einen eigenständigen Prozess bei der Wertschöpfungskette. Die Ressourcen werden auf Abteilungsebene gemanagt und die Leistungen auf einer funktionalen Ebene gemessen.

Stufe 2 «Vertikaler Integrator»
Auf dieser Stufe ist bereits ein unternehmensweiter Prozess etabliert und wird kontinuierlich auf Unter-nehmens-, Prozess- und Diagnose-Ebene beurteilt. Die Ressourcen für die digitale Wertschöpfungskette werden sowohl auf funktionaler als auch auf überfunktionaler Ebene gemanagt.

Stufe 3 «Horizontaler Mitarbeiter»
Hier hat man bereits eine Zusammenarbeit als strategischer Partner erreicht, der durchwegs auf globaler Wertschöpfungskette agiert. Seine Aufgaben dabei sind:

  • Erkennen von Möglichkeiten an Gemeinschaftsgeschäften und Aktionsplänen
  • Durchsetzen der gemeinsamen Nutzung von Prozessen und Daten
  • Definieren, dokumentieren und direkt reagieren von Leitungsparamenten 
  • Verwirklichen einer Basis-Transparenz entlang der Wertschöpfungskette 

Stufe 4 «Digitaler Meister»
Die höchste Stufe erreicht man, wenn durch digitale, kanalübergreifende Lösungen eine Zusammenarbeit in der Ecosystem Wertschöpfungskette erreicht wird:

  • Ausrichten der Geschäftschancen und der dazugehörigen Prozesse der beteiligten Unternehmen
  • Erfolge erzielen durch proaktives Handeln, Echtzeitplanung und Entscheidungen sowie ausführen von Anpassungen der Wertschöpfungskette aufgrund von Kundenbedürfnissen und Unterbrechungen in der Wertschöpfungskette 


Beispiel einer digitalen Wertschöpfungskette: Ersatzteile aus dem 3D Drucker.

Nach all der Theorie blicken wir jetzt auf die Praxis in Form von Ersatzteil-Management. Ohne eine digitalisierte Wertschöpfungskette ist es das Ersatzteil-Management teuer, arbeitsintensiv, ineffektiv und überfrachtet mit potenziellen Fehlerquellen. Zudem müssen die Ersatzteile je nach Branche für viele Jahrzehnte vorrätig sein und niemand kann vorhersagen, wann die bereits produzierten Ersatzteile überhaupt angefordert werden. 

Ganz anders sieht es bei einer digitalisierten Wertschöpfungskette aus, in die ein 3D Drucker integriert ist. Es gleicht einer Revolution bei der Lagerung und Auslieferung von Ersatzteilen, wenn dank hochexakter Vorhersagen die Produktion sehr genau nach Bedarf gesteuert werden kann. Dadurch können die Lagerbestände deutlich besser kontrolliert werden und auch die Lagerkapazitäten können wesentlich besser ausgenutzt werden. Zusammen mit dem 3D Drucker können dann die benötigten Ersatzteile viel schneller und kostengünstiger produziert werden – selbst wenn es Einzelanfertigungen sind, die eigentlich schon seit Jahren nicht mehr produziert werden, da die entsprechenden Originale nicht mehr produziert werden. Autos und deren Ersatzteile sind da ein sehr gutes Beispiel. Der Idealfall: Eine Anfrage für ein Ersatzteil geht ein, alle wichtigen Informationen gehen gleichzeitig an die beteiligten Kettenglieder wie Kundendienst/Verkauf, Produktion und Logistik. Dann wird das Ersatzteil produziert, verpackt und ausgeliefert. Schnell, effizient, kostengünstig und somit hochrentabel für das Unternehmen. 


Fazit mit den Erfolgsfaktoren einer digitalen Wertschöpfungskette.

Eine Digitalisierung der Wertschöpfungskette wird für viele Unternehmen nicht so einfach umzusetzen sein. Werden aber die Erfolgsfaktoren Prozesse, Organisation und Fähigkeiten, Performance Management, Partner und Technologie dank der digitalen Transformation weiter optimiert, kann Industrie 4.0 für das Unternehmen zur Erfolgsgeschichte werden. Zumal die Kunden immer mehr und immer schneller individuell zugeschnittene Produkte haben wollen. Das geht nur, wenn sich das Unternehmen voll und ganz auf die digitale Arbeitswelt einstellt und konsequent umsetzt. Ohne diese Einstellung wird es bedeutend schwerer, sich am Markt behaupten zu können. Hingegen stehen Unternehmen, die sich konsequent auf eine Digitalisierung der Wertschöpfungskette einlassen, alle Türen offen.

Quelle: PwC, Strategy & Analysis: http://www.strategyand.pwc.com/reports/industry4.0 

 

9. Mai 2017

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