Was sollen wir von Künstlicher Intelligenz halten?

John Brockman, ein bekannter Visionär und Herausgeber der Internetzeitschrift «Edge», thematisiert mit führenden Wissenschaftlern, Philosophen und Künstlern unserer Zeit, was wir von Künstlicher Intelligenz halten sollen und was uns zukünftig mit ihr bevorsteht.

Was sollen wir von Künstlicher Intelligenz halten?

The Edge Foundation, Inc.

Die Edge Foundation ist eine Vereinigung von Intellektuellen aus Wissenschaft und Technologie die 1988 als Folge vom «The Reality Club» gegründet wurde. Die Stiftung mit Verleger und Gründer John Brockman unterhält ein kritisches Internetmagazin ,wo wissenschaftliche und intellektuelle Ideen erforscht werden. Eines der Hauptfeatures ist seit langem die «Annual Question», eine jährliche Frage welche Edge seinen Mitgliedern stellt. Die Antworten dazu enthalten viele kurze Aufsätze von Vordenkern in Philosophie und Wissenschaft welche gesammelt und als Sammelband veröffentlich werden. Ebenfalls sind viele der Artikel zusätzlich als Video-Interview mit einer prominenten Persönlichkeit in einem wissenschaftlichen Bereich vorhanden, worin die jüngsten Forschungen oder mentalen Vorurteile diskutiert werden. Obwohl die Stiftung auf neue Entwicklungen spezialisiert ist, schafft sie es dennoch die herausfordernde und neuartige Wissenschaft klar darzustellen und zu kommunizieren. 

Annual Question - «What do you think about machines that think?»

In John Brockman’s Buch «Was sollen wir von Künstlicher Intelligenz halten?» kommen rund 190 Autoren zu Wort, welche ihre Meinung über intelligente Maschinen vertreten. Die verschiedenen Antworten sind u.a. von Steven Pinker, Martin Rees, Rolf Dobelli, George Dyson, Hans Ulrich Obrist, Gerd Gigerenzer, Andrian Kreye und Haim Harari. Die Spannbreite der Qualifikationen der verschiedenen Autoren ist sehr gross und reicht von «unbekannt» bis zu anerkannten Forschern. Somit ist auch die Qualität der einzelnen Beiträge im Buch sehr unterschiedlich. Dennoch verschafft das Buch sowohl Einsteigern als auch Fortgeschrittenen durch entsprechende Vertiefungsliteratur einen guten Überblick über den Diskussionsstand.

Die Gefahr welche von Künstlicher Intelligenz ausgehen kann, hatte auch Stephen Hawking bereits thematisiert. Er warnte einst davor, dass die Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz das Ende der Menschheit bedeute. Andere hingegen feiern das neue Zeitalter der Superintelligenz, da menschliche Kapazitäten mittels intelligenter Maschinen enorm ausgeweitet würden. Nachgehend möchten wir auf einige wichtige und sehr interessante Beiträge aus dem Buch und der Technikwelt hinweisen. 

Die drei Szenarien der Zukunft.

Zusammengefasst einigen sich die Autoren im Buch auf drei mögliche Szenarien die der Menschheit mit Künstlicher Intelligenz bevorstehen können. 

  1. Der Mensch fällt zurück und lässt sich von Maschinen regieren 

  2. Der Mensch behält die Kontrolle über die Maschinen

  3. Mensch und Maschine verschmelzen zu einer Symbiose und potenzieren so ihre Leistungsfähigkeit

Die meisten Autoren tendieren zum dritten Szenario, wobei einige auch die Fragestellung im Buch als falsch erachten. Sie sind der Meinung, dass die Frage nicht was wir von Künstlicher Intelligenz halten sollen, sondern viel mehr was wir im Hinblick darauf unternehmen lauten muss. Max Tegmark, ein schwedisch-amerikanischer Kosmologe und Wissenschaftsphilosoph, erforscht beispielsweise die seiner Meinung nach klassischen und relevanten Fragen:

  • Was geschieht mit den Menschen wenn uns Maschinen allmählich auf dem Arbeitsmarkt ersetzen?
  • Wann, wenn überhaupt jemals, werden Menschen von Maschinen bei allen geistigen Aufgaben übertroffen?
  • Was wir danach geschehen? Wird es eine Explosion maschineller Intelligenz geben, die uns weit hinter sich zurücklässt, und wenn ja, welche Rollen spielt dann die Menschheit überhaupt noch?

Er bemängelt, dass in den Medien, Zeitschriften und Büchern falsche Ansichten und schlechte Informationen breit geschlagen werden. Einige Journalisten scheinen nicht in der Lage zu sein, einen Artikel über Künstliche Intelligenz zu verfassen, ohne dabei das Bild eines schwerbewaffneten Roboters zu beschwören. 

Auch noch immer weit verbreitet ist die Meinung, es sei unmöglich, dass uns Maschinen in Intelligenz und Fortschritt übertreffen. Jedoch weisen Physiker darauf hin, dass ein menschliches Gehirn aus Quarks und Elektronen besteht, die so angeordnet sind, dass sie als leistungsfähiger Computer fungieren und es kein Gesetz der Physik gibt, welches uns daran hindern könnte noch intelligentere Quark-Klumpen zu konstruieren. Ausserdem resultierte aus einer kürzlich entstandenen Umfrage bei KI-Forschern ein Wert von 50% Zustimmung, über die Frage ob Maschinen zu unseren Lebzeiten bei allen kognitiven Aufgaben das Niveau eines Menschen errei-chen können. Viele KI-Systeme sind so programmiert, dass sie Ziele haben und diese so effektiv die möglich auch erreichen wollen.

Ist Künstliche Intelligenz bösartig?

In ihrem Wesen ist Künstliche Intelligenz nicht bösartig, trotzdem können ihre Ziele eines Tages mit denen der Menschen zusammenprallen. Ein Beispiel dazu: Menschen hassen im Allgemeinen keine Ameisen, aber wenn wir einen hydroelektrischen Damm bauen wollten und es dort einen Ameisenhügel gäbe, hätten die Ameisen Pech gehabt. Sind wir bösartig? Oder nur zielstrebend am Fortschritt interessiert? Die Gefahr bei der Künstlichen Intelligenz geht nicht unbedingt von den Maschinen aus – sondern von den Menschen. Nehmen wir an, die Maschinen lernen von ihren Schöpfern und nehmen uns zum Vorbild. 

Eine Forschergruppe veröffentlichte kürzlich den «Malicious AI Report » und warnt vor der Bedrohung durch künstliche Intelligenz: die Gefahr geht vom Deep Learning aus. Die 26 Autoren des «Malicious AI Report» warnen davor, dass das Deep Learning (lernfähige Algorithmen) auch böswilliges Verhalten mit einschliesst. Eine Intelligenz die beispielsweise Menschen in einem Strategiespiel schlägt ist noch lange nicht geeignet um gleich die Weltherrschaft an sich zu reissen, kann jedoch in den falschen Händen durchaus bösartige Handlungen vornehmen

Deep Fakes – Künstliche Intelligenz ist jetzt schon bösartig.

Durch Deep Fakes ist die fast perfekte Bildmanipulation möglich. Dabei werden die Gesichter von Prominenten über die Gesichter anderer Menschen gelegt. Den Anfang machten dabei Pornovideos, wo die Gesichter der Pornodarsteller mit jenen der Prominenten ausgetauscht wurden. So ergibt Künstliche Intelligenz in Kombination mit Technik eine völlig neue Möglichkeit, Filme zu verändern. Aber nicht nur Filme, sondern auch Bilder und Nachrichten können so verändert werden, dass das Original fast nicht mehr erkennbar ist. Somit entsteht eine ganz neue Evolutionsstufe der gefälschten Nachrichten im Netz. 

Die Deep Fakes funktionieren folgendermassen: Um die Neuralnetze künstlicher Intelligenz darauf zu trainieren, Gesichter von Personen auszutauschen, benötigt man möglichst viele Bilder vom Gesicht der Person, die man in ein Video hineinschneiden will. Dann lässt man den Computer rechnen. Ein kurzes GIF ist in einigen Minuten erstellt, eine längere Filmsequenz dauert länger. Mit dieser Manipulation wird einerseits das Urheberrecht von Bildern und Filmen enorm geschädigt, aber auch lässt sich so politische Propaganda fälschen. Eine sehr beunruhigende Entwicklung. Es gibt dazu bereits erste Beispiele wie die Universität Washington zeigt. Ein mit Künstlicher Intelligenz erschaffenes Konterfei von Barack Obama welches lippensynchron mit dessen Ansprachen redet.

www.youtube.com
Synthesizing Obama: Learning Lip Sync from Audio

Drei-Ringe-Modell nach Renzulli

Joseph Renzulli entwickelte das Drei-Ringe-Modell um herauszufinden, welche zusätzlichen Merkmale einer Person neben deren Intelligenz notwendig sind, um innovative Leistungen vollbringen zu können. Das Ziel hinter diesem Modell war, das Zustandekommen von Begabung beziehungsweise Hochbegabung zu untersuchen und ein Zusammenspiel von wichtigen Merkmalen aufzuzeigen. Die Merkmale des Modells sind Motivation, Kreativität und hohe intellektuelle Fähigkeiten. Die hohe intellektuelle Fähigkeit wird gemäss Renzulli durch das künstlerische, psychomotorische und soziale Intellektuell gebildet, welches auch als IQ bezeichnet wird. In der Motivation sind Fleiss, Ausdauer, Ehrgeiz und emotionale Stabilität, Anerkennung und optimale Förderung enthalten. Der dritte Faktor Kreativität setzt sich aus Originalität, Phantasie, Flexibilität und Einfallsfülle zusammen. So wird aufgezeigt, dass Hochbegabung nicht alleine einer aussergewöhnlicher Intelligenz gleichzusetzen ist. Kritisiert wird jedoch, dass Kreativität und Motivation notwendige Voraussetzungen für Hochbegabung sein sollen und Begabung und Leistung gleichgesetzt sind. Dennoch vertreten viele KI-Forscher die Meinung, ein solches oder ähnliches Modell wäre auch für die Messung von Künstlicher Intelligenz förderlich. 

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Drei-Ringe-Modell nach Renzulli / Quelle: http://www.mhaensel.de/

Bewusstsein, ja oder nein?

Es gibt keine allgemein akzeptierte Definition von Bewusstsein. Bewusstsein ist im weitesten Sinne das Erleben mentaler Zustände und Prozesse. Daher ist die Frage, ob Künstliche Intelligenz ein Bewusstsein hat oder haben kann sehr schwierig zu beantworten. Geht man aber davon aus, dass das Gehirn ein materielles Objekt ist, welches den Gesetzen der Physik unterliegt, dann müsste man Gehirnprozesse auch im Computer nachbilden können. 

Künstliche neuronale Netze, die die Funktion des menschlichen Gehirns nachahmen, sollen Robotern das Lernen ermöglichen. Es geht dabei um die Fähigkeit, Wissen und Handlungsanweisungen aus vielen, verschachtelten Datenbanken ständig neu miteinander zu verknüpfen. Ein Lernprozess wo eine Situation ständig neu bewertet wird. So wie es Kinder im Alter von ein bis zwei Jahren machen. Auch sie besitzen in dieser Phase noch kein ausgeprägtes Bewusstsein.

Eltern geben ihnen eine Vorstellung von Werten und erst später, nach vielen eigenen Erfahrungen und den Reaktionen auf das eigene Verhalten, beginnen Kinder selbst Wertvorstellungen zu entwickeln. Sie reflektieren ihr Verhalten und beginnen dadurch ein ausgeprägtes Bewusstsein zu entwickeln. Grundsätzlich ist aber bis heute noch nicht ganz klar, was den menschlichen Geist oder menschliches Bewusstsein eigentlich ausmacht. Sicher ist jedoch, dass unser Bewusstsein durch die natürliche Reproduktion der Menschen entsteht und sich weiter entwickelt. 

Quellen:
https://aiomag.de/
https://www.edge.org/
Buch: Was sollen wir von Künstlicher Intelligenz halten? Von John Brockmann, 2017

 

von Willem van der Touw, MSc. , Fabienne Baumgartner – 

22. August 2018

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