Technology vs. Humanity: Unsere Zukunft zwischen Mensch und Maschine.

Gerd Leonhard ist einer der einflussreichsten europäischen Futuristen. Als strategischer Zukunftsberater berät er globale Top-100-Konzerne ebenso wie KMU, und tritt weltweit als gefragter Keynote-Speaker auf. Sein neustes Buch: «Technology vs. Humanity» hat sich innert kürzester Zeit zu einem Must-Read entwickelt.

Technology vs. Humanity: Unsere Zukunft zwischen Mensch und Maschine.

Creative Commons licensed by Gerd Leonhard.

Gerd Leonhard ist einer der einflussreichsten europäischen Futuristen. Als strategischer Zukunftsberater berät er globale Top-100-Konzerne ebenso wie KMU, und tritt weltweit als gefragter Keynote-Speaker auf. Sein neustes Buch: «Technology vs. Humanity» hat sich innert kürzester Zeit zu einem Must-Read entwickelt.

Grundsätzlich ist Gerd Leonhard ein Optimist was unsere Zukunft betrifft. Der Titel seines neuen Buches ist als Provokation gedacht, denn eigentlich ist Gerd der Meinung, dass «verus» nur eintritt, wenn sich die Technologie verselbstständigt und vom Menschen und seinem Wohlergehen abwendet, also wenn sie vom Werkzeug zum Sinn wird. Eine Voraussetzung, dass dies nicht passiert, wäre dass wir immer noch wissen wo der „Mensch“ endet und die „Maschine“ beginnt. In einer idealen Zukunft würde die Menschheit alle Technologien beherrschen (und nicht andersherum) und dazu nutzen, die grossen Herausforderungen wie Krankheiten, Wasserversorgung, Hunger, Energie usw. zu lösen.

Technologie umarmen aber nicht zu Technologie werden.

Die Technologie wird von uns Menschen geschaffen und kann sowohl gut als auch schlecht sein. Moralisch gesehen ist sie neutral ­– bis wir sie anwenden. Gerds Sorgen bestehen darin, dass viele Technologie-Gläubige wohl ganz selbstverständlich annehmen, dass wir genau wissen, wo die Grenzen der Menschlichkeit liegen – und dass es nun unsere Aufgabe sei, diese Grenzen mittels technologischer Intervention zu sprengen. Technologischer Fortschritt lässt sich nicht rückgängig machen. Die transformative Kraft der Technologie wächst exponentiell und ist kombinatorisch. In seinem Buch betont Leonhard deshalb, dass wir die Technologie annehmen und ihre positiven Auswirkungen für uns nutzen müssen. Selbst ein Teil dieser Technologie zu werden, möchte er jedoch auf jeden Fall vermeiden. Wir sollten uns weiter um Fortschritte in der menschlichen Genomchirurgie bemühen, weil sie uns eines Tages helfen könnte, Krebs, Diabetes oder Alzheimer zu bezwingen. Es wäre aber ein schwerer Fehler, die gleiche Technologie anzuwenden, um unsere Kinder im Mutterleib zu programmieren oder womöglich die ganze Menschheit umzuprogrammieren, geschweige denn eine neue Rasse von hybriden Mensch-Maschinen-Wesen zu erzeugen. Ein anderes und aktuelleres Beispiel sind Übersetzungs-Applikationen, die in naher Zukunft perfekt funktionieren und deshalb allgegenwärtig sein werden (SayHi, Google Translate, Skype Translate etc.). Wir werden – und sollten – solche Tools nutzen, weil sie unser Leben erleichtern. Aber wir sollten wohl trotzdem nicht aufhören, unseren Kindern Sprachunterricht an den Schulen zu geben, oder uns allgemein zu bemühen wenigstens ein paar Worte in anderen Sprachen zu verstehen. Die Menschliche Interaktion darf nie soweit automatisiert werden, dass sie ohne technische Hilfsmittel nicht mehr funktioniert.

Technologie wird zum Selbstzweck.

Technologie wird aber zunehmend mehr sein als nur ein Werkzeug, sie wird nimmermehr zum Selbstzweck. Facebook war einmal ein Werkzeug, um Freunde zu finden und sich mit ihnen neu zu verknüpfen; heute ist Facebook eine gigantische Datenkrake und ein globales Medienunternehmen, das Milliarden an Werbeeinnahmen generiert – der Algorithmus beherrscht alles; wir User sind selber der Inhalt geworden. LinkedIn war einmal ein gutes und nützliches Tool – heute dient es fast nur noch dem Eigennutz der Betreiber.

Abstand zwischen Gewinnern und Verlierern wird immer grösser.

Die Veränderungen die Gerd Leonhard beschreibt, können sowohl positive wie auch negative Folgen mit sich bringen. Die Digitalisierung beispielsweise bringt für grosser Unternehmen viele Vorteile, für ihre Mitarbeiter oder deren Kunden jedoch, kann sie auch ein Nachteil sein. Immer mehr Daten führen zu grösseren Sicherheitsrisiken und führen im schlimmsten Fall zum Ende der Privatssphäre. In vielen Wirtschaftsbereichen verschwinden alte, vertraute Geschäftszyklen und deren Grundlagen, und der Abstand zwischen Gewinnern und Verlierern wird immer grösser – die soziale Ungleichheit ist ja eigentlich durch Technologie nicht besser geworden, sondern ganz im Gegenteil.

Megashifts.

Die von Gerd definierten Megashifts sind tektonische Verschiebungen und nicht einfach nur Trends. Megashifts entstehen erst ganz langsam und dann sehr schnell und verändern die Grundlage ganzer Geschäftsmodelle und Ordnungssysteme unserer Gesellschaft. Nachfolgend einige seiner Beispiele:

  • Mobilisierung: Computing (Computing bezeichnet alle Ziel-orientierten Tätigkeiten, die auf Computern beziehungsweise algorithmischen Prozessen aufbauen, von ihnen profitieren oder solche hervorbringen.) findet nicht mehr am Schreibtisch statt – sondern überall.
  • Screenification: Das Leben findet vor dem Bildschirm statt, alles was früher gedruckt wurde ist jetzt auf Bildschirmen aller Art gelandet – und bald wird jede Wand auch ein Bildschirm sein.
  • Disintermediation: Viele traditionelle Mittelsmänner werden verschwinden, weil wir dank unserer Technologie “direkt” gehen können.

Alles, was wir heute tun, wird jetzt schon beobachtet und überwacht, notiert, aufgezeichnet und analysiert. Trotzdem sind hier noch ganz am Anfang. Die grössten Technologiekonzerne der Welt sind derzeit dabei, ihre eigenen Betriebssysteme für die intelligente Cloud zu bauen. Riesige «Gehirne» die ständig dazu lernen und selber denken können. Hunderte Millionen von Usern tragen dazu bei, z.B. über ihre Daten-Feeds in sozialen Medien, und über ihre Smartphones. Facebook betreibt bereits ein globales Sozial-OS (Operating System oder Betriebssystem), und LinkedIn betreibt ein Job/HR/Work-OS. Google baut tatsächlich eine Global Brain, und sie nennen es sogar «the Google Brain Project ». Eine neue Firma namens VIV (kürzlich von Samsung gekauft) behauptet gar: «Intelligenz ist jetzt eine Utility», und IBM möchte mit IBM Watson das Gehirn (also das «Cognitive Computing») hinter so gut wie allem sein.

Der Trend zum Selbstvergessen.

Sich in einer Grossstadt zurechtzufinden, ohne Technologie. Das haben viele von uns bereits aufgebeben. Google Maps weiss doch immer wo wir sind, und wie der schnellste Weg an mein Ziel ist. In einer fremden Stadt essen wir nur noch dort, wo es und Tripdadvisor empfiehlt und an ein Einschlafen ohne Fitnessarmband ist gar nicht zu denken. Überall auf der Welt sind selbstfahrende Autos bereits in erste schwere Unfälle verwickelt worden – aber nicht etwa, weil das Auto bzw. die Software einen Fehler gemacht hat, sondern weil der Mensch am Steuer die Fähigkeiten des Autopiloten total überschätzt hat. Der Pilot einer amerikanischen Linienmaschine verbringt im Durchschnitt inzwischen gerade mal vier Minuten damit, das Flugzeug tatsächlich selbst zu fliegen. US-Fluggesellschaften machen sich deshalb grosse Sorgen, ihr Flugpersonal könnte vergessen, wie man fliegt. Das sogenannte "gläserne Cockpit" macht dieses Problem nur noch grösser; es gibt fast keine Schalter oder Hebel mehr, alles ist digital und auf Bildschirmen präsentiert. Aufgrund dieser exponentiellen Automatisierung und Virtualisierung schafft es ein menschlicher Pilot nun fast nicht mehr, in einer plötzlichen Gefahrensituation schnell und 100% sicher das Steuer zu übernehmen.

Quellen:
www.gerdleonhard.de
Buch: Technology vs. Humanity von Gerd Leonhard, 2006

von Willem van der Touw, MSc. , Fabienne Baumgartner – 

7. Januar 2019

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