Leben 3.0: Mensch sein im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz.

Das Massachusetts Institut of Technology (MIT) ist der bedeutendste technologische Think Tank der USA. Dort arbeitet Professor Max Tegmark mit weltweit führenden Entwicklern Künstlicher Intelligenz zusammen. Er ist Mitglied der American Physical Society und der wissenschaftliche Leiter des Foundational Questions Institute. In seinem neuen Buch «Leben 3.0» gewährt er exklusive Einblicke in ihre Labore und zeigt was die Menschheit erwartet.

Leben 3.0: Mensch sein im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz.
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Die drei Stufen des Lebens.

Die Frage nach der Definition des Lebens ist bekanntermassen umstritten. Es sind zahlreiche Definitionen vorhanden und Manche verlangen nach hochspezifischen Voraussetzungen. Max Tegmark und sein Team möchten das Leben schlicht als einen Prozess, der seine Komplexität bewahren und sich reproduzieren kann, definieren. «Wir können uns das Leben als ein sich selbst kopierendes Informationsverarbeitungssystem vorstellen, dessen Informationen (Software) sein Verhalten und die Entwürfe für seine Hardware bestimmen». Tegmark selbst unterteilt die Lebensformen und Evolution in drei Stufen:

  • Leben 1.0 (biologische Stufe): Das Leben 1.0 kann während seiner Lebensspanne weder seine Hardware noch seine Software selbst gestalten. Beide Komponenten werden durch seine DNS bestimmt und verändern sich nur im Lauf der Evolution über mehrere Generationen hinweg.
  • Leben 2.0 (kulturelle Stufe): Im Gegensatz zum Leben 1.0 kann das Leben 2.0 einen grossen Teil seiner Software neu gestalten. Menschen können komplexe neue Kompetenzen erwerben, zum Beispiel Sprachen, Sportarten und Berufe.
  • Leben 3.0 (technologische Stufe): Welches noch nicht auf der Welt existiert. Es kann auf grundlegende Art und Weise nicht nur seine Software, sondern auch seine Hardware neu entwerfen, anstatt warten zu müssen, dass sie sich allmählich über Generationen hinweg entwickelt.

Das Leben 1.0 trat vor rund vier Milliarden Jahren erstmals auf der Erde auf, Leben 2.0 (wir Menschen) trat vor etwa hunderttausend Jahren auf den Plan. Nun glauben viele KI-Forscher, dass das Leben 3.0 sich im Laufe des kommenden Jahrhunderts verwirklichen werde, vielleicht sogar noch zu unseren Lebzeiten. Hervorgebracht von uns selbst und durch den Fortschritt der KI. Was also wird geschehen und was bedeutet das für uns?

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Quelle: Abb. 1.1. Buch Leben 3.0 - Max Tegmark

«Gib Wasserstoff genügend Zeit, und er verwandelt sich in Menschen.» 

Edward Robert Harrison, 1995

Materie wird intelligent.

Eine der spektakulärsten Entwicklungen während der letzten 13 Milliarden Jahre war, dass Materie intelligent geworden ist. Doch was bedeutet Intelligenz? Selbst führenden KI-Forscher sind sich in ihrer Definition uneinig. Es gibt viele umstrittene Definitionen und alle Konzepte konkurrieren miteinander. Dazu gehören die Fähigkeit zu logischem Denken, Verstehen, Planen, emotionales Wissen, Bewusstseinsfähigkeit, Kreativität, Problemlösen und Lernen. Die Definition welche Max Tegmark in seinem Buch verwendet lautet: Intelligenz = Die Fähigkeit, komplexe Ziele zu erreichen. Sie ist umfassend genug, um alle oben erwähnten Konzepte mit einzubeziehen, denn alle sind Beispiele für komplexe Ziele die jemand haben kann. Intelligenz definiert als Fähigkeit, komplexe Ziele zu erreichen, lässt sich aber nicht durch einen einzelnen IQ messen. Dazu verwendet Tegmark ein Fähigkeitenspektrum, welches alle Ziele umfasst. Jeder Pfeil zeigt an, wie qualifiziert die besten KI-Systeme von heute beim Erreichen unterschiedlicher Ziele sind und veranschaulicht, dass heutige Künstliche Intelligenz dazu tendiert, begrenzt zu sein.

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Quelle: Abb. 2.1. Buch Leben 3.0 - Max Tegmark

«Die erste ultraintelligente Maschine ist die letzte Erfindung, die der Mensch je machen muss, vorausgesetzt, die Maschine ist gutmütig genug, um uns zu sagen, wie man sie unter Kontrolle behält.»

Irving J. Good, 1965

Intelligenzexplosion?

Max Tegmark stellt sich die Frage: Kann KI tatsächlich die Welt erobern oder Menschen dabei unterstützen es zu tun? Ein Hollywood ähnliches Szenario aber, mit bewaffneten Roboter im Terminator-Stil hält er für lächerlich. Vielmehr ist er der Meinung, dass die Gefahr der Terminator-Geschichte nicht darin liegt, dass sie geschehen wird, sondern dass sie von den wahren Risiken und Möglichkeiten ablenkt, die mit der KI einhergehen. Um tatsächlich von der heutigen Situation zu einer von KI beherrschten Welt zu gelangen, sind drei logische Schritte nötig:

  • Schritt 1: KI auf menschlichem Niveau konstruieren
  • Schritt 2: Einsatz dieser KI, um Superintelligenz zu erschaffen
  • Schritt 3: Diese Superintelligenz benutzen oder entfesseln, um die Weltherrschaft zu übernehmen

Schritt 1 für immer und alle Zeiten als unmöglich zu verwerfen wird schwierig. Zudem wird es schwierig nach Vollendung von Schritt 1 Schritt 2 als hoffnungslos zu bezeichnen, da die hierdurch entstandene KI kompetent genug wäre, in rekursiver Selbstverbesserung eine noch bessere KI zu entwerfen, die letztlich nur von den Naturgesetzen eingeschränkt wird – was offenbar eine Intelligenz weit jenseits menschlichen Niveaus ermöglicht. Dies wäre dann sie sogenannte Intelligenzexplosion. Falls es eine Gruppe von Menschen schaffen sollte, eine Intelligenzexplosion zu kontrollieren, könnte sie auch imstande sein, ein paar Jahre später die Welt zu beherrschen. Falls aber die Menschen daran scheitern, eine Intelligenzexplosion zu kontrollieren, könnte die KI selbst die Weltherrschaft übernehmen.

Ziele.

Die heikelsten Kontroversen in der KI Forschung sind Max Tegmarks Meinung die Ziele. Soll eine Künstliche Intelligenz ein Ziel haben und falls ja, welches? Und wie können wir gewährleisten, dass dieses Ziel eingehalten wird? Diese Frage ist entscheidend für die Zukunft des Lebens. Die darauffolgende Frage ist: Können Maschinen Ziele haben? Diese Frage erscheint im ersten Augenblick kontrovers, stellen wir dieselbe Frage aber nochmals praktisch: Können Maschinen zielorientiertes Verhalten zeigen? Dann lautet die Antwort offensichtlich ja. Wir Menschen konstruieren Geschirrspülmaschinen mit dem Ziel Geschirr zu reinigen und Uhren mit dem Ziel die Zeit anzuzeigen. Je intelligenter und leistungsfähiger Maschinen werden, desto wichtiger wird die Abstimmung ihrer Ziele mit unseren Zielen. Doch wie stimmen wir unsere Ziele mit den Zielen einer superintelligenten KI ab? Diese Frage spaltet sich in drei hartnäckige Teilfragen bzw. Teilprobleme auf:

  • Die KI mit unseren Zielen vertraut machen
  • Die KI unsere Ziele übernehmen lassen
  • Die KI unsere Ziele bewahren lassen

Um etwas über unsere Ziele zu erfahren, muss eine KI nicht herausfinden, was wir tun, sondern warum wir es tun. Dennoch ist es bis heute unklar, wie man eine superintelligente KI mit einem endgültigen Ziel ausstattet, welches weder undefiniert ist, noch zur Eliminierung der Menschheit führt.

Quellen:
Buch: Leben 3.0 von Max Tegmark, Ullstein Verlag, Berlin, 2017

von Willem van der Touw, MSc. , Fabienne Baumgartner – 

1. Februar 2019

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